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Stillförderung geht alle an

Wie kann Deutschland stillfreundlich werden? Nicht nur theoretisch und für manche, sondern überall, jederzeit und für jede Frau, die stillen möchte? Frauen und ihr soziales Umfeld müssen auf allen Ebenen der Gesellschaft stillfreundliche Bedingungen vorfinden. Den Weg dahin weisen neue Empfehlungen zur Stillförderung in Deutschland aus dem Forschungsvorhaben Becoming Breastfeeding Friendly.

Drei Frauen lachen und stillen auf Sofa
Christoph Luttenberger

Die zukunftsweisenden Ergebnisse wurden am 5. Juni 2019 auf der Fachkonferenz „Wie stillfreundlich ist Deutschland?“ vorgestellt. Sie können einen wesentlichen Beitrag zum gesunden Aufwachsen und zur Gesundheitsförderung bei Kindern leisten.

Nationale und internationale Expertengruppen empfehlen, das Stillen als natürliche und bevorzugte Ernährungsform für Säuglinge zu fördern. Die gesundheitliche Bedeutung für Mutter und Kind ist gut belegt. Auch aus Sicht der Bindungsförderung und der Gesundheitsökonomie spricht vieles für das Stillen. Dennoch stillen in Deutschland nur rund zwei Drittel der Mütter ihre neu geborenen Säuglinge ausschließlich – in den folgenden Monaten sinkt diese Zahl deutlich. Kinder aus sozial benachteiligten Verhältnissen werden seltener und kürzer gestillt. Sie profitieren daher weniger vom gesundheitlichen Nutzen des Stillens. Das gilt ebenso für Kinder von jungen Müttern und von Frauen, die in der Schwangerschaft geraucht haben. Frauen und junge Familien begegnen offensichtlich noch nicht überall einem stillfreundlichen Umfeld.

Erstmalig systematische Bestandsaufnahme

Im internationalen Forschungsvorhaben Becoming Breastfeeding Friendly (BBF) wurde ab September 2017 eine systematische Bestandsaufnahme zum Stand der Stillförderung in Deutschland vorgenommen. Dazu recherchierte eine Kommission aus Expertinnen und Experten aus Politik, Praxis, Wissenschaft und Medien Informationen zu allen wichtigen Handlungsfeldern der Stillförderung und analysierte die Daten systematisch auf der Grundlage von 54 internationalen BBF-Bewertungskriterien. Das Forschungsvorhaben BBF wird auf Initiative des Bundesernährungsministeriums vom Netzwerk Gesund ins Leben und der Nationalen Stillkommission gemeinsam mit der Yale School of Public Health durchgeführt. Das Netzwerk Gesund ins Leben ist angesiedelt am Bundeszentrum für Ernährung (BZfE) in der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE).

Die Ergebnisse wurden der Öffentlichkeit am 5. Juni 2019 in Berlin auf der Fachkonferenz „Wie stillfreundlich ist Deutschland?“ vorgestellt. Rund 170 Interessierte und Akteure aus den verschiedensten Bereichen der Stillförderung waren vor Ort, um mit den BBF-Expertinnen und ‑Experten und Podiumsgästen die Zukunft der Stillförderung in Deutschland zu diskutieren.

So wird Deutschland stillfreundlich

Deutschland ist gemäß der BBF-Auswertung derzeit als moderat stillfreundlich zu beschreiben. Die Gesetzgebung und Finanzierung wichtiger Maßnahmen der Stillförderung wie Mutterschutzgesetz und Elterngeld gehören zu den Stärken. Besonders schwach schneidet Deutschland in den Handlungsfeldern Werbung sowie Forschung & Evaluation ab. Die Ergebnisse zeigen differenziert Ansatzpunkte auf, um die Rahmenbedingungen für das Stillen zu verbessern. Diese hat die BBF-Kommission zu acht Empfehlungen zusammengeführt:

  • Eine nationale Strategie zur Stillförderung in Deutschland entwickeln.
  • Eine gemeinsame Kommunikationsstrategie für die Stillförderung entwickeln und umsetzen.
  • Standards evidenzbasierter Stillförderung und -beratung implementieren.
  • Lehrinhalte zum Thema Stillen in der Ausbildung von Ärztinnen und Ärzten und einschlägigen Gesundheitsfachberufen vereinheitlichen, soweit dies in den jeweiligen Ausbildungen bereits verankert ist. Aufgaben- und kompetenzbasierte Fort- und Weiterbildung in Stillförderung und -beratung für Ärztinnen und Ärzten, einschlägige Gesundheitsfachberufe und weitere Multiplikatorinnen und Multiplikatoren sicherstellen.
  • Durch Vernetzung aller Akteurinnen und Akteure vor Ort einen niedrigschwelligen Zugang zu evidenzbasierter Stillberatung und -unterstützung ermöglichen.
  • Vereinbarkeit von Stillen und Beruf, Studium sowie Ausbildung fördern und hierzu adressatengerecht informieren.
  • Regelungen und Praxis zur Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten prüfen, dokumentieren und hierzu informieren.
  • Ein systematisches Stillmonitoring für Deutschland etablieren.

Deutschland braucht eine nationale Strategie zur Stillförderung

Derzeit gibt es zahlreiche Einzelaktivitäten zum Stillen, allerdings ohne übergeordnete Koordination. Deutschland braucht eine nationale Strategie zur Stillförderung, lautet deshalb die Rahmenempfehlung aus dem BBF-Prozess, die Maßnahmen aus allen anderen BBF-Empfehlungen integriert. „Stillförderung ist ein wichtiges nationales Anliegen, das mit Blick auf ganz Deutschland gestaltet werden muss. Das Bundesernährungsministerium wird deshalb eine zentrale Koordinierungsstelle für die Entwicklung und Umsetzung einer nationalen Strategie zur Stillförderung einrichten. Zur Stärkung der Forschung und Evaluation wurde mit der Gründung des Instituts für Kinderernährung am Max Rubner-Institut (MRI) eine wichtige Weichenstellung in diesem Bereich bereits vollzogen. Denn hier soll unter anderem das Stillmonitoring für Deutschland entwickelt werden“, verkündete Dr. Hermann Onko Aeikens, Staatsekretär des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft.

Stillfreundlich auf allen Ebenen

Die systematische BBF-Analyse ist für Deutschland einzigartig. Sie bietet die Chance, die Rahmenbedingungen für das Stillen nicht nur punktuell, sondern nachhaltig und an allen wichtigen Stellen zu verbessern. Individuelle und strukturelle Stillhemmnisse würden reduziert, damit sich noch mehr Frauen informiert und selbstbestimmt für das Stillen entscheiden können. Stillende würden während ihrer gesamten Stillzeit bedarfsgerecht professionell unterstützt und in ihrem Handeln gestärkt. Stillen ist kein Selbstläufer – gerade am Anfang brauchen viele Frauen kompetente Unterstützung. Dabei ist die Vielfalt der Lebensformen und Lebenssituationen zu beachten.

„Unser Selbstverständnis ist, dass (werdende) Familien selbstbestimmt entscheiden und alle Akteure der Stillförderung diese informierte Entscheidung respektieren – ob eine Frau nun stillt oder sich dagegen entscheidet“, unterstreicht Maria Flothkötter, die als Leiterin des Netzwerks Gesund ins Leben verantwortlich ist für das Forschungsprojekt BBF. „Wichtig ist, dass alle Frauen mit Stillwunsch die bestmöglichen Rahmenbedingungen vorfinden. Hier hat Becoming Breastfeeding Friendly Verbesserungsbedarf identifiziert.“

Veröffentlichung kostenlos unter Quellenangabe: www.gesund-ins-leben.de
Über einen Beleg freuen wir uns.

Weitere Informationen

Empfehlungen zur Stillförderung in Deutschland

  • Eine nationale Strategie zur Stillförderung in Deutschland inklusive eines Leitbildes soll entwickelt werden, in welche unter anderem alle weiteren BBF-Empfehlungen einfließen. Eine Koordinierungsstelle koordiniert und moderiert diesen Prozess mit allen Beteiligten und erarbeitet die entsprechenden Aufgabenpakete. Die Nationale Stillkommission (NSK) wird als strategisches und politisch beratendes Gremium für die Bundesregierung neu ausgerichtet und stärker in politische Prozesse wie die Entwicklung der nationalen Strategie zur Stillförderung eingebunden.

  • Eine gemeinsame Kommunikationsstrategie für die Stillförderung ist notwendig, um die gesellschaftliche Akzeptanz des Stillens zu steigern und das Wissen übers Stillen und passende Unterstützungsangebote zur Förderung der Stillmotivation zu verbessern, vor allem bei Frauen, die seltener und kürzer stillen.

  • Die evidenzbasierte Stillförderung und ‑beratung von Schwangeren und Familien durch Ärztinnen und Ärzte und einschlägige Gesundheitsfachberufe braucht einen höheren Stellenwert, z. B. durch Leitlinien, Richtlinien und Integration von Stillindikatoren in Systeme der Qualitätssicherung, lautet eine weitere Empfehlung.

  • Auch in der Aus-, Fort- und Weiterbildung ist das Thema Stillen durch zusätzliche Bildungsangebote sowie vereinheitlichte Lehrinhalte – entsprechend der berufsspezifischen Aufgaben und Kompetenzen – zu stärken.

  • Stillförderung soll alle erreichen. Familien in belasteten Lebenssituationen sind dabei besonders in den Blick zu nehmen, da sie häufig einen erhöhten Informations- und Unterstützungsbedarf aufweisen. Die Vernetzung aller Akteurinnen und Akteure vor Ort mit Kontakt zu (werdenden) Müttern und ihrem sozialen Umfeld ermöglicht frühzeitig einen niedrigschwelligen Zugang zu professioneller Stillberatung und -unterstützung sowie zu Selbsthilfeangeboten.

  • Die Vereinbarkeit von Stillen und Berufstätigkeit soll verbessert werden. Die existierenden Regelungen sind weder bei Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern, noch bei Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern oder Beratenden ausreichend bekannt. Hier besteht Informationsbedarf. Zudem sollen strukturelle Lösungen zur Umsetzung des Mutterschutzgesetzes erarbeitet und gesetzgeberischer Handlungsbedarf geprüft werden, um den Anwendungsbereich des Gesetzes auf mehr Frauen auszweiten.

  • In Bezug auf die Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten wird empfohlen, die Umsetzung der bestehenden Regelungen zur Vermarktung sowie ggf. eine Ausweitung der Regelungen zu prüfen und Verstöße bundesweit zu bündeln und zu veröffentlichen. Die Öffentlichkeit und insbesondere Multiplikatorinnen und Multiplikatoren mit Kontakt zu Familien sollen über die Regelungen zur Vermarktung – und wie man Verstöße melden kann – informiert werden.

  • Ein systematisches Stillmonitoring für Deutschland mit einer Koordinierungseinheit ist wichtig, um valide und repräsentative Daten für die Planung und Umsetzung von Maßnahmen einer gezielten Stillförderung zu erhalten.

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Über uns

Gemeinsam für junge Familien in Deutschland Netzwerk Gesund ins Leben

Gesund ins Leben ist ein Netzwerk von Institutionen, Fachgesellschaften und Verbänden, die sich mit jungen Familien befassen. Das Ziel ist, Eltern einheitliche Botschaften zur Ernährung und Bewegung zu vermitteln, damit sie und ihre Kinder gesund leben und aufwachsen. Das Netzwerk Gesund ins Leben ist angesiedelt im Bundeszentrum für Ernährung (BZfE) der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) und Teil des nationalen Aktionsplans "IN FORM –Deutschlands Initiative für gesunde Ernährung und mehr Bewegung".

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