Nachgefragt im Dezember: Dürfen Säuglinge im ersten Lebensjahr Kuhmilch bekommen?

05.12.2013

Im ersten Lebensjahr durchläuft der Säugling mit einer zunächst ausschließlichen Milchernährung, später ergänzt um B(r)eikost und dem Übergang zum Familienessen drei Ernährungsphasen. Falls nicht gestillt wird, ist industriell hergestellte Säuglingsmilchnahrung die einzige Alternative zur Muttermilch. Dass Säuglingsmilchnahrung nicht aus Kuhmilch oder anderen Milcharten selbst hergestellt werden sollte, ist hinreichend bekannt. Viele Eltern sind jedoch unsicher, ob Kuhmilch für die Beikost geeignet ist oder im ersten Lebensjahr besser ganz darauf verzichtet wird. Darf Kuhmilch schon im ersten Lebensjahr gegeben werden?

Milch in Glas

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Ja. Das Netzwerk Gesund ins Leben, eine IN FORM Initiative des Bundesernährungsministeriums, empfiehlt, Kuhmilch im ersten Lebensjahr einmal täglich als Zutat im Milch-Getreide-Brei zu geben. Auch Säuglinge mit erhöhtem Allergierisiko können diesen Brei erhalten. Zum Trinken sollte Kuhmilch erst gegen Ende des ersten Lebensjahres im Rahmen der Brotmahlzeiten auf den Tisch kommen.

Kuhmilch ist Bestandteil des Milch-Getreide-Breis. Eltern wird empfohlen für die Beikostgabe dem Ernährungsplan des Forschungsinstituts für Kinderernährung zu folgen, bei dem drei Breie schrittweise die Milchmahlzeiten des Säuglings ergänzen oder ersetzen [1]. Frühestens zu Beginn des fünften und spätestens zu Beginn des siebten Lebensmonats sollte die Beikost eingeführt werden, rät das Netzwerk Gesund ins Leben [2]. Auf den Gemüse-Kartoffel-Fleisch-Brei folgt meist als zweiter Brei der Milch-Getreide-Brei. In diesem ist neben Vollkorngetreide Vollmilch die Hauptzutat.

Der Milch-Getreide-Brei wird auch für Kinder mit erhöhtem Allergierisiko empfohlen. Heute weiß man, dass das Meiden oder die verzögerte Einführung von Kuhmilch keinen Schutz vor Allergien bietet. Ganz im Gegenteil gehen Experten davon aus, dass ein bewusster Kontakt mit möglichen Allergenen wie Kuhmilch im ersten Lebensjahr, die Toleranzentwicklung im Kindesalter fördert. Dieser Paradigmenwechsel fand mit der aktualisierten S3-Leitlinie zur Allergieprävention statt, die 2009 veröffentlicht wurde. [3, 4] (Anm.: Ein erhöhtes Allergierisiko liegt vor, wenn mindestens ein Eltern- oder ein Geschwisterteil eine Allergie hat.)

Kuhmilch ist reich an Kalzium und spielt ab der Beikostgabe als Kalziumlieferant eine wichtige Rolle. Kalzium ist ein Baustein von Knochen und Zähnen. Kuhmilch ist reich an Kalzium. Auch einige pflanzliche Lebensmittel enthalten Kalzium, jedoch geringere Mengen als Kuhmilch. Für die Kalziumversorgung ist Kuhmilch daher von großer Bedeutung. [5, 6]

Neben dem Milch-Getreide-Brei keine zusätzlichen Milchprodukte geben. Die 200 ml Kuhmilch als Zutat im Milch-Getreide-Brei sind zusätzlich zur Muttermilch (oder Flaschenmilch) ausreichend zur Kalziumversorgung und damit für die Knochen- und Zahnentwicklung des Säuglings. Wird die empfohlene Kuhmilchmenge regelmäßig überschritten, belastet der im Vergleich zur Muttermilch hohe Proteingehalt der Kuhmilch die kindlichen Nieren. Auch das zusätzliche Füttern von Beikostprodukten auf Milchbasis mit Jogurt, Quark, Frischkäse oder Milchpudding, führt zu einer überhöhten Proteinzufuhr zulasten einer unausgewogenen Nährstoffzufuhr, da andere wichtige Beikostzutaten, wie zum Beispiel Getreide, mengenmäßig zu kurz kommen. [7]

Kuhmilch als Getränk: Erst gegen Ende des ersten Lebensjahres. Fachgesellschaften sprechen sich gegen eine zu frühe Einführung von Kuhmilch als Getränk aus. Zum Trinken sollte sie erst gegen Ende des ersten Lebensjahres und nur im Rahmen der Brotmahlzeiten gegeben werden. Empfohlen wird je ein Glas oder eine Tasse Milch zum Beispiel zum Frühstück und Abendbrot. [2] Aus der Flasche sollte es die Trinkmilch dann nicht mehr geben, vor allem Dauernuckeln schadet den Zähnen. Kleinkinder vertragen auch größere Mengen Milchprodukte. Im Alter zwischen ein bis drei Jahren brauchen Kinder täglich etwa 300 ml Milch und Milchprodukte, am besten auf 3 Portionen verteilt.

Für Säuglinge und Kleinkinder ist nur pasteurisierte oder hoch erhitzte Kuhmilch geeignet. Rohmilch und Vorzugsmilch können hingegen für das kindliche Immunsystem gefährliche Keime, wie zum Beispiel EHEC (enterohämorrhagische Escherichia coli), enthalten und sind daher für diese Personengruppen nicht zu empfehlen. [8]

Quellen:

[1] Forschungsinstitut für Kinderernährung (Hrsg.): Empfehlungen für die Ernährung von Säuglingen, 9. aktualisierte Auflage (2013)

[2] Koletzko B, Bauer C-P, Brönstrup A et al.: Säuglingsernährung und Ernährung der stillenden Mutter. Aktualisierte Handlungsempfehlungen des Netzwerks Gesund ins Leben – Netzwerk Junge Familie. Monatsschr Kinderheilkd 161, 237–46 (2013)

[3] Deutsche Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI), in Zusammenarbeit mit dem Ärzteverband Deutscher Allergologen (ÄDA), der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft (DDG), und der Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie (GPA). S3-Leitlinie Allergieprävention. In: AWMF-Leitlinien-Register Nr 061/016. Düsseldorf: AWMF-Leitlinien (2009)

[4] Kopp MV: Die Leitlinie Allergieprävention auf dem Prüfstand. Bundesgesundheitsblatt, Gesundheitsforschung, Gesundheitsschutz 55, 5 (2012)

[5] Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), Österreichische Gesellschaft für Ernährung (ÖGE), Schweizerische Gesellschaft für Ernährungsforschung (SGE), Schweizerische Vereinigung für Ernährung (SVE): Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr – Calcium. Neuer Umschau Buchverlag, 1. Auflage, 5., korrigierter Nachdruck (2013)

[6] Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE): Ausgewählte Fragen und Antworten zu Calcium. Bonn, 2013

[7] Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin: Stellungnahme der Ernährungskommission der DGKJ, Beikostprodukte auf Milchbasis. Berlin, 2002. http://www.dgkj.de/wissenschaft/stellungnahmen/meldung/meldungsdetail/beikostprodukte_auf_milchbasis/, abgerufen 01.12.2013

[8] Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR)(2011): EHEC-Infektionen können für Kinder schwerwiegende Folgen haben, BfR-Merkblatt 02/2011, 14.01.2011

 

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