Nachgefragt im Januar: Brauchen Schwangere zusätzlich Jod?

27.01.2015

Untersuchungen in Deutschland über Schilddrüsenveränderungen bei Schulkindern und Erwachsenen belegen, dass sich die Jodversorgung in den vergangenen Jahren zwar deutlich verbessert hat, aber noch suboptimal ist. In der deutschen Bevölkerung besteht ein Versorgungsdefizit von durchschnittlich etwa 60–80 μg Jod/Tag. Bei Schwangeren ist die Versorgungslücke sogar noch größer, da sie einen erhöhten Jodbedarf haben. Bereits eine milde Jodunterversorgung wirkt sich negativ auf die Entwicklung des Kindes aus. Braucht deshalb jede Schwangere zusätzlich Jod?

Frau mit Tablette auf Zunge

Foto: © AntonioDiaz / Fotolia.com

Jod ist unter anderem wichtig für eine gesunde geistige und körperliche Entwicklung des wachsenden Kindes. In der Schwangerschaft sollte daher auf eine ausreichende Jodzufuhr geachtet werden. Um eine gute Jodversorgung zu unterstützen, wird Schwangeren die Verwendung von jodiertem Speisesalz, der Verzehr von Meeresfisch zweimal pro Woche sowie der regelmäßige Verzehr von Milch und Milchprodukten empfohlen. Da auch bei sorgfältiger Lebensmittelauswahl Schwangere in der Regel zu wenig Jod mit der Nahrung aufnehmen, sollen sie – um den Mehrbedarf zu decken – täglich zusätzlich ein Supplement mit 100 (–150) μg Jod einnehmen, empfiehlt das Netzwerk Gesund ins Leben, eine IN FORM-Initiative des Bundesernährungsministeriums [6]. Bei Schilddrüsenerkrankungen sollte zunächst eine Rücksprache mit dem behandelnden Arzt erfolgen.

Jodreiche Lebensmittel bevorzugen. Eine gute Jodversorgung ist nicht erst in der Schwangerschaft, sondern bereits vor der Befruchtung wichtig. Deshalb sollten bereits Frauen mit Kinderwunsch zur Bedeutung von Jod beraten werden. Um eine gute Jodversorgung zu gewährleisten, sollte im Haushalt jodiertes Speisesalz eingesetzt und bei Lebensmitteln (zum Beispiel Brot, Wurst und Fleischwaren) sollten bevorzugt Produkte ausgewählt werden, die mit jodiertem Speisesalz hergestellt wurden. Frauen konsumieren etwa 6,5 g Salz/Tag – bei bewusster Salzauswahl werden nach einer Schätzung etwa 4 g in Form von Jodsalz verzehrt. Das ergibt einen Beitrag von ca. 60 μg Jod/Tag aus Jodsalz [5]. Jod ist natürlicherweise auch in Meeresfisch (z. B. Schellfisch, Seelachs, Scholle und Miesmuscheln), Milch und Milchprodukten enthalten, weshalb diese Lebensmittel regelmäßig auf dem Speiseplan stehen sollten. Empfohlen werden 2 Portionen Meeresfisch pro Woche – als beste natürliche Jodquelle – und täglich 3 Portionen Milch und Milchprodukte. Milch liefert heute durch verändertes, mit Jod angereichertes Tierfutter, mehr Jod als früher. In Untersuchungen wies Milch durchschnittlich 117 μg Jod/l und Trinkjogurt 126 μg Jod/l auf [7]. Allerdings schwankte der Jodgehalt in einzelnen Milchproben erheblich.

Erhöhter Jodbedarf wird erst durch Supplemente gedeckt. In der Schwangerschaft steigt der Wert für die empfohlene Jodzufuhr von 200 µg auf 230 µg pro Tag an [1]. Auch bei sorgfältiger Lebensmittelauswahl, z. B. Verwendung von Jodsalz und Produkten, die mit Jodsalz hergestellt wurden, nehmen Schwangere in der Regel zu wenig Jod mit der Nahrung auf, durchschnittlich nur etwa 120 µg Jod [5]. Da sich bereits eine milde Jodunterversorgung negativ auf die Entwicklung des Kindes auswirkt [2], soll jede Schwangere zusätzlich zu einer ausgewogenen jodreichen Ernährung täglich Jod supplementieren, von Beginn der Schwangerschaft bis zum Ende der Stillzeit.

Täglich 100 (–150) μg Jodid supplementieren. Die empfohlene Dosis für ein Jodsupplement ist heute geringer als früher, da sich die Jodversorgung in den vergangenen Jahren insgesamt verbessert hat. Je nach Ernährungsgewohnheiten der Schwangeren (z. B. Vorliebe für oder Abneigung gegen Meeresfisch, Konsum von Milch und Milchprodukten, Verwendung von jodiertem Speisesalz), sollten Schwangere täglich 100 (–150) μg Jodid als Supplement einnehmen. Diese Menge entspricht dem unteren bis mittleren Bereich der in den Mutterschafts-Richtlinien genannten und als sicher angesehenen Spanne (100–200 µg/Tag) der Jodsupplementierung in der Schwangerschaft [3].

Mehrdosierung vermeiden. Nimmt die Schwangere andere Nährstoffpräparate ein, die entsprechende Mengen an Jod enthalten, sollten keine zusätzlichen Jodsupplemente eingenommen werden. Von der Verwendung getrockneter Algen- bzw. Tangpräparate mit möglichen exzessiv hohen Mengen an Jod wird abgeraten, da die Gehalte nicht standardisiert sind [4].

Jodmangel – schwerwiegende Folgen für Mutter und Kind. Jede dritte Frau weist in den letzten drei Schwangerschaftsmonaten einen Jodmangelkropf auf. Fehlt Jod über längere Zeit, produziert die Schilddrüse zu wenig Schilddrüsenhormone. Der Körper versucht dann, durch eine Schilddrüsenvergrößerung den Mangel auszugleichen. Konzentrationsschwierigkeiten, Leistungsminderung und schwer wiegende gesundheitliche Störungen bei der werdenden Mutter können die Folge eines Jodmangels sein. Etwa 10 % der Neugeborenen haben eine verminderte Schilddrüsenhormonproduktion. Ein Jodmangel beim Fetus beruht auf dem Jodmangel der Mutter. Die Folgen eines Jodmangels auf das Kind können erheblich sein [5]. So erhöht sich das Risiko für Fehl-, Totgeburten und Fehlbildungen. Weitere Folgen sind eine vergrößerte Schilddrüse mit Atem- und Schluckbeschwerden, beeinträchtigtes Wachstum und Knochenwachstum sowie beeinträchtigte Hirnreife bzw. verminderte Intelligenz bis hin zum Kretinismus, eine seltene, schwere Entwicklungsstörung des Gehirns.

Ärztliche Rücksprache bei Schilddrüsenerkrankungen. Die Gefahr, dass durch den Verzehr von jodreichen Lebensmitteln und Jodsupplement zu viel Jod aufgenommen wird, ist in der Regel gering, da der Organismus überschüssiges Jod über die Nieren ausscheidet. Dennoch sollten Erwachsene nicht mehr als 500 μg Jod am Tag aufnehmen [1]. Eine Schilddrüsenüberfunktion wird in der Regel erst durch unphysiologisch hohe Joddosen ausgelöst, die weit im Milligrammbereich liegen. Besteht eine Über- oder Unterfunktion der Schilddrüse, sollte vor jeder Form der Jodsupplementierung mit dem behandelnden Arzt gesprochen werden. Die einzige Kontraindikation für eine Jodgabe in Tablettenform ist eine im gebärfähigen Alter relativ selten vorkommende ausgeprägte Überfunktion der Schilddrüse [5]. Das betrifft nicht die Verwendung von Jodsalz. Jodunverträglichkeiten, die allergischen Reaktionen ähneln, sind durch die oben beschriebenen Maßnahmen und mit den empfohlenen Mengen nicht zu erwarten.

Quellen:

[1] Deutsche Gesellschaft für Ernährung, Österreichische Gesellschaft für Ernährung, Schweizerische Gesellschaft für Ernährung: D-A-CH Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr. Neustadt an der Weinstraße. 1. Auflage, 4. korrigierter Nachdruck ed. Frankfurt am Main: Umschau/Braus; 2012

[2] Remer T, Johner SA, Gartner R, Thamm M, Kriener E: Jodmangel im Säuglingsalter – ein Risiko für die kognitive Entwicklung. Dtsch Med Wochenschr 2010;135:1551–6

[3] Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen: Richtlinien des Bundesausschusses der Ärzte und Krankenkassen über die ärztliche Betreuung während der Schwangerschaft und nach der Entbindung („Mutterschafts-Richtlinien“). Bundesanzeiger 2010;75:1784

[4] Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): Gesundheitliche Risiken durch zu hohen Jodgehalt in getrockneten Algen. Aktualisierte Stellungnahme Nr. 026/2007

[5] Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): Jod, Folsäure und Schwangerschaft – Ratschläge für Ärzte. Februar 2006

[6] Koletzko B et al: Ernährung in der Schwangerschaft – Handlungsempfehlungen des Netzwerks „Gesund ins Leben – Netzwerk Junge Familie“. Deutsche Medizinische Wochenschrift, Sonderdruck Juni 2012

[7] Hampel R: Jodgehalt von Getränken in Deutschland. Ernährungs-Umschau 2010;2:73–77

 

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