Nachgefragt im Mai: Wie oft müssen Säuglinge in den ersten Lebenswochen gestillt werden?

09.05.2014

Stillen ist die beste Ernährung für Säuglinge im ersten Lebenshalbjahr. Doch junge Eltern sind gerade in den ersten Lebenswochen ihres Kindes oft verunsichert, wenn es um die Stillhäufigkeit geht. Braucht mein Kind nicht eine gewisse Anzahl von Stillmahlzeiten, um gut versorgt zu werden? Muss die Milchproduktion nicht erst in Schwung kommen? Konkrete Empfehlungen nach dem Motto „x-mal in 24 Stunden“ oder „alle x Stunden“ gibt es nicht. Denn Babys sind in ihrem Stillverhalten sehr verschieden. Viele Säuglinge möchten anfangs zehn- bis zwölfmal in 24 Stunden angelegt werden. Doch ein Muss ist es nicht. Ist das Baby gesund, gedeiht es und nimmt es an Gewicht zu, dann ist es gut versorgt.

Baby an Brust

Foto: © mocker_bat / Fotolia.com

Stillen nach Bedarf des Kindes

Beim Stillen können die Unterschiede von Säugling zu Säugling groß sein. Das Netzwerk Gesund ins Leben, eine IN FORM-Initiative des Bundesernährungsministeriums, empfiehlt, die Stillhäufigkeit nach dem Bedarf des Kindes auszurichten. Das heißt, wie oft und wie lange gestillt wird, bestimmt der Säugling. Viele Kinder wollen in den ersten Lebenswochen zehn- bis zwölfmal in 24 Stunden angelegt werden. Darauf weist das Netzwerk hin. Doch es gibt auch Säuglinge, die weniger häufig trinken wollen. Auch das Stillmuster kann unterschiedlich sein. Manche möchten rund um die Uhr regelmäßig alle zwei bis drei Stunden trinken, andere über einen Zeitraum von zwei bis sechs Stunden stündlich trinken und dann länger schlafen (so genanntes Clusterfeeding). Manche Säuglinge verändern ihre Stillfrequenz und ihr Stillmuster, wenn sie älter werden, andere nicht [5]. Wichtig ist es, sensibel auf die Hungersignale des Kindes zu reagieren. Durch Unruhe, Strampeln, Such- und Schmatzbewegungen, eine angespannte Körperhaltung, geballte Fäuste, Saugen am Finger etc., zeigt das Kind, dass es gestillt werden möchte. Schreien ist ein eher spätes Hungersignal.

Das Saugen an der Brust sorgt bei der Mutter für die Ausschüttung von Prolaktin, einem Hormon das wiederum die Milchproduktion anregt. Je häufiger das Baby in den allerersten Wochen saugt und die Brust stimuliert, desto mehr Milch wird gebildet. Eine gewisse Stillhäufigkeit ist daher zur Anregung der Milchbildung durchaus förderlich. Sie begünstigt den Übergang von der Vormilch (Kolostrum) zur Bildung größerer Mengen an so genannter transitorischer Milch [2], auch Übergangsmilch (zur reifen Frauenmilch) genannt. In besonderen Situationen kann es notwendig sein, Kinder zum Stillen zu wecken. Das ist der Fall, wenn Kinder nicht genügend an Gewicht zunehmen oder eine Neugeborenen-Gelbsucht (erhöhte Bilirubinwerte) haben [3]. Diese wird durch einen Mangel an Flüssigkeit und Nahrung verstärkt [1]. Liegt der Abstand zwischen zwei Stillmahlzeiten in den ersten Lebenswochen über 4 Stunden, sollte das Baby ebenfalls sanft zum Stillen geweckt werden [2].

Ob das Kind genügend trinkt, zeigt sich beispielsweise am Gewicht. Eine Gewichtsabnahme in den ersten Tagen nach der Geburt ist allerdings ganz normal, da das Kind mehr Flüssigkeit ausscheidet und mehr Energie verbraucht, als es aufnimmt. Beträgt die Gewichtsabnahme mehr als 7 bis 10 Prozent des Geburtsgewichts oder erfolgt innerhalb der ersten 7 Lebenstage keine Gewichtszunahme, dann müssen die Ursachen ärztlich geklärt werden.

Erfolgreich starten

Bereits in der Zeit direkt nach der Geburt werden die Weichen für ein erfolgreiches Stillen gestellt. Ein früher Hautkontakt von Mutter und Kind fördert das Stillen [4]. Das erste Anlegen des Kindes sollte innerhalb der ersten 2 Stunden nach der Geburt erfolgen, empfiehlt das Netzwerk Gesund ins Leben [3]. Das gilt auch für Kaiserschnittentbindungen, wenn sie nicht unter Vollnarkose erfolgten. Das Kind wird nach der Geburt auf die Brust gelegt und der natürliche Verlauf des Suchens und Findens der Brustwarze und das erste Saugen abgewartet. Er kann bis zu 100 Minuten dauern, doch in diesen Prozess sollte nicht eingegriffen werden [2]. Ärzte, Hebammen und Stillberater sollten bereits in der Schwangerschaft über das Stillen informieren und dabei auch die werdenden Väter einbeziehen. Denn Unsicherheiten führen häufig dazu, dass das Stillen zu früh abgebrochen wird. Im Rahmen dieser Beratung können das richtige Anlegen, Stillhäufigkeit, Hungersignale, Zeitaufwand und viele andere Aspekte des Stillens angesprochen werden.

Quellen:

[1] Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): Stillen und Neugeborenen-Gelbsucht. Aktualisierte Elterninformation* der Nationalen Stillkommission vom 12. September 2001, *aktualisiert im Januar 2008. www.bfr.bund.de/cm/343/stillen_und_neugeborenen_gelbsucht.pdf, abgerufen am 23.04.2014

[2] Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, Bührer C, Genzel-Boroviczény O et al.: Empfehlungen zur Ernährung gesunder Säuglinge 2013. www.dgkj.de/wissenschaft/stellungnahmen/meldung/meldungsdetail/empfehlungen_zur_ernaehrung_gesunder_saeuglinge/, abgerufen am 14.04.2014

[3] Koletzko B, Brönstrup A, Cremer M et al.: Säuglingsernährung und Ernährung der stillenden Mutter. Handlungsempfehlungen. Monatsschr Kinderheilkd 2010, 158:679–89

[4] Moore ER, Anderson GC, Bergman N, Dowswell T: Early skin-to-skin contact for mothers and their healthy newborn infants. Cochrane Database Syst Rev 2012, 5:CD003519

[5] World Health Organization (WHO): Infant and young child feeding: model chapter for textbooks for medical students and allied health professionals. Genf 2009

 

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