Nachgefragt im Oktober: Welche Gewichtszunahme ist in der Schwangerschaft normal?

23.10.2014

Dass Frauen während der Schwangerschaft an Gewicht zunehmen, ist ganz natürlich. Ab dem zweiten Schwangerschaftsdrittel tritt – bedingt durch die körperliche Veränderung der werdenden Mutter und die Entwicklung des Kindes – eine deutliche Gewichtszunahme ein. Es herrscht jedoch nicht nur bei Schwangeren, sondern auch in Fachkreisen Uneinigkeit über die Frage: Welche Gewichtszunahme ist in der Schwangerschaft normal?

Schwangere Frau hält Waage im Arm

Foto: © LanaK / Fotolia.com

Für normalgewichtige Frauen liegt die wünschenswerte Gewichtszunahme in der Schwangerschaft zwischen etwa 10 und 16 Kilogramm, erklärt das Netzwerk Gesund ins Leben, eine IN FORM-Initiative des Bundesernährungsministeriums. Dieses zusätzliche Gewicht setzt sich wie folgt zusammen: 30 % entfallen auf den Fetus, 50 % machen Gewebswasser, erhöhtes Blutvolumen, Brustgewebe und Fettdepots (als Reserve für die Stillzeit) aus und 20 % werden für Gebärmutter, Fruchtwasser und Plazenta (Gebärmuttergewebe) benötigt. [1, 2]

Die tatsächliche Gewichtszunahme ist individuell verschieden. Sie hängt unter anderem vom Schwangerschaftsverlauf, dem Ernährungs- und Bewegungsverhalten der Frau ab. Wie viele Kilogramm Frauen in Deutschland während der Schwangerschaft tatsächlich zunehmen, ergab die bundesweite KiGGS-Studie. Demnach ist die Gewichtszunahme innerhalb von 20 Jahren signifikant um mehr als 2 kg gestiegen ist, und zwar von durchschnittlich 13,0 auf 15,1 kg. Frauen aus groß- und mittelstädtischen Gemeinden nehmen während der Schwangerschaft stärker zu als diejenigen in ländlichen und kleinstädtischen Gemeinden. Frauen mit niedrigem Sozialstatus nehmen stärker zu als diejenigen mit hohem Sozialstatus, wobei die Unterschiede nicht signifikant sind [3].

Gründe für die steigende Gewichtszunahme in der Schwangerschaft sind Überernährung und Bewegungsmangel. Ein gesunder Lebensstil in der Schwangerschaft, z. B. durch eine ausgewogene Ernährung und regelmäßige körperliche Aktivität, kann zu einer moderaten Gewichtsentwicklung beitragen [2].

Das amerikanische Institute of Medicine (IOM) empfiehlt hingegen unterschiedliche Bereiche der Gewichtszunahme. Sie variieren je nach vorher bestehendem Body Mass Index (BMI). Unter- und Normalgewichtige sollen demnach mehr zunehmen als übergewichtige oder adipöse Frauen. So empfiehlt das IOM für normalgewichtige Frauen eine Gewichtszunahme von 11,5 bis 16 kg. Für Untergewichtige beträgt sie 12,5 bis 18 kg und für Adipöse 5 bis 9 kg [4].

Neuere Studienergebnisse stellen die generelle Anwendung dieser Empfehlungen, die auf Beobachtungsstudien in den USA beruhen, jedoch infrage, vor allem die für übergewichtige und adipöse Frauen. So zeigen Daten der bundesweiten KiGGS-Studie, dass das Risiko für späteres kindliches Übergewicht zwar erhöht ist, wenn normalgewichtige Frauen in der Schwangerschaft viel zunehmen, allerdings ist die Effektgröße begrenzt: Mit einem Kilogramm zusätzlicher Gewichtszunahme steigt das spätere kindliche Übergewichtsrisiko nur um 1 %. Bei übergewichtigen und adipösen Schwangeren in Bayern war eine den amerikanischen Empfehlungen entsprechende Gewichtszunahme zwar mit weniger Präeklampsie (so genannte Gestose) und Wunsch-Kaiserschnitten, aber einer höheren Zahl von Diabetes, Frühgeburten, niedrigem Geburtsgewicht sowie erhöhter perinataler Mortalität verbunden.

Eine weitere retrospektive Beobachtungsstudie zeigte bei stark adipösen Schwangeren (BMI über 40 kg/m²) ein vermindertes Komplikationsrisiko bei Gewichtsabnahme. Diese Studienergebnisse unterstreichen, dass die Datenlage insgesamt nicht hinreichend ist, um die IOM-Empfehlungen als „Soll-Empfehlung“ für Deutschland zu übernehmen. Belastbare Empfehlungen für den wünschenswerten Gewichtsverlauf in der Schwangerschaft könnten sich zukünftig aus derzeit laufenden Interventionsstudien ergeben [1].

Frauen sollten mit Normalgewicht in die Schwangerschaft starten. Nach heutigem Kenntnisstand wirkt sich das Gewicht der Frau zum Zeitpunkt der Empfängnis wesentlich stärker auf die Gesundheit von Mutter und Kind aus als die Gewichtszunahme während der Schwangerschaft [1]. Frauen, die vor und während der Schwangerschaft auf eine nährstoffreiche Ernährung achten, schaffen beste Bedingungen für die Entwicklung des Kindes im Mutterleib. Dabei ist ein Zuviel an Nahrungsenergie nicht erwünscht, denn starkes mütterliches Übergewicht birgt zum einen gesundheitliche Risiken für die Mutter selbst. So haben übergewichtige und adipöse Frauen in der Schwangerschaft ein erhöhtes Risiko für Schwangerschaftsdiabetes, Bluthochdruck, Frühgeburten und Geburtskomplikationen. Des Weiteren erhöht Übergewicht der werdenden Mutter das Risiko für Übergewicht beim Kind und für die damit assoziierten Folgeerkrankungen (z. B. Diabetes mellitus Typ 2) sowie für Spina bifida, Herzfehler und multiple Fehlbildungen.

Die Auswirkungen des Lebensstils der (werdenden) Mutter auf die Gesundheit des Kindes nennt man perinatale Programmierung. Die Theorie der perinatalen Programmierung geht davon aus, dass neben der genetischen Anlage grundlegende Stoffwechselprozesse vor und in den ersten Monaten nach der Geburt geprägt werden. Deshalb sollten Frauen, die über- oder untergewichtig sind, möglichst schon vor Beginn der Schwangerschaft Normalgewicht anstreben.

Quellen:

[1] Koletzko B et al.: Ernährung in der Schwangerschaft Handlungsempfehlungen des Netzwerks „Gesund ins Leben – Netzwerk Junge Familie“. Deutsche Medizinische Wochenschrift, Sonderdruck Juni 2012

[2] Netzwerk Gesund ins Leben: Ernährung und Bewegung in der Schwangerschaft. Referentenhandbuch zur Multiplikatorenfortbildung, 2014

[3] Bergmann KE et al.: Perinatale Einflussfaktoren auf die spätere Gesundheit Ergebnisse des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KiGGS) Bundesgesundheitsbl - Gesundheitsforsch - Gesundheitsschutz 5/6 2007 edoc.hu-berlin.de/hostings/athenaeum/documents/oa/articles/re3XGgG4E13uA/PDF/294eMArPnfU.pdf, abgerufen am 23.10.2014

[4] Committee to Reexamine IOM Pregnancy Weight Guidelines. Weight gain during pregnancy: reexaminining the guidelines. 2010/07/30 ed. Washington (DC): Institute of Medicine (US) and National Research Council, 2009

 

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