Stellungnahme zum Referentenentwurf eines Präventionsgesetzes

21.11.2014

Gesund ins Leben hat zum Referentenentwurf für ein Präventionsgesetz (PrävG) Stellung genommen. Nach Auffassung des Netzwerks ist im aktuellen Gesetzentwurf das Präventions- und Gesundheitsförderungspotenzial in der Lebensphase rund um die Geburt nicht berücksichtigt ...

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Stärkung von Gesundheitsförderung und Prävention in Lebenswelten – Präventions- und Gesundheitsförderungspotenzial in der Lebensphase rund um die Geburt nicht berücksichtigt

Wir begrüßen, dass mit dem vorliegenden Entwurf die strukturellen Voraussetzungen für die Gesundheitsförderung in jedem Lebensalter und in allen Lebensbereichen geschaffen werden sollen. Wir bedauern hingegen sehr, dass das Präventions- und Gesundheitsförderungspotenzial in der Lebensphase von der Konzeption bis zum Übergang in Kindertagesstätten (zumeist mit 3 Jahren) in dem Lebensweltansatz des Entwurfs keine Berücksichtigung findet. (vgl. Definition in dem Entwurf § 20a, (1)„Lebenswelten im Sinne des § 20 Absatz 4, Nr. 2 sind für die Gesundheit … abgrenzbare soziale Systeme, insbesondere ... der medizinischen Versorgung sowie der Freizeitgestaltung einschließlich des Sports. …“)

In keiner anderen Lebensphase wirken das Lebensumfeld und der Lebensstil so nachhaltig auf die spätere Gesundheit von Kind, Mutter und Familie, wie in der Schwangerschaft und den ersten 3 Lebensjahren eines Kindes.

So sind in Deutschland etwa 20 % der Frauen im gebärfähigen Alter zwischen 20 und 39 Jahren übergewichtig und weitere etwa 9 bis 14 % adipös. Übergewichtige und adipöse Frauen haben in der Schwangerschaft ein erhöhtes Risiko für Gestationsdiabetes (28.300 registrierte Fälle pro Jahr), Bluthochdruck, Frühgeburten und Geburtskomplikationen. Übergewicht der werdenden Mutter erhöht ferner erheblich das Risiko für Übergewicht beim Kind und für die damit assoziierten Folgeerkrankungen sowie für Spina bifida, Herzfehler und multiple Fehlbildungen. 65-84 % der Schwangeren erreichen die Bewegungsempfehlungen von 150 Min. moderater körperlicher Aktivität pro Woche nicht. 20 % der Schwangeren rauchen weiter. 10.000 Neugeborene pro Jahr werden durch mütterlichen Alkoholkonsum dauerhaft geschädigt. Darüber hinaus ist darauf hinzuweisen, dass ein Drittel der Neugeborenen als allergiegefährdet gilt und wirksame Maßnahmen der primären Allergieprävention nur für die Zeit der Schwangerschaft und der ersten Lebensmonate des Kindes nachgewiesen sind. Dieses Potenzial in der Lebenswelt (Schwangerschaft bis Kleinkindalter) nicht zu berücksichtigen erscheint nicht plausibel und gesundheitsökonomisch nicht vertretbar. Für diese Lebensphase hat Gesund ins Leben – Netzwerk Junge Familie seit 2009 eine Struktur geschaffen, die viele Ansätze für flächendeckende und sozial gerechte lebensweltbezogene und kassenübergreifende Präventionsmaßnahmen bietet (siehe unten).

§ 26 Gesundheitsuntersuchungen für Kinder und Jugendhilfe

Werdende Eltern und junge Familien aller sozialen Schichten werden im Rahmen von Gesundheitsroutinen (z.B. Vorsorgeuntersuchungen in Schwangerschaft und im Kindesalter) sehr gut erreicht, die Vorsorgeuntersuchungen genießen ein hohes Ansehen, die Leistungserbringer besitzen eine hohe Glaubwürdigkeit und ein besonderes Vertrauensverhältnis zu den Familien.

Schwangerenvorsorge berücksichtigen

In dem Entwurf positiv hervorzuheben ist, dass in die bislang auf Früherkennung von Krankheiten (Kinder-Richtlinien des G-BA; § 26 SGB V) fokussierten Vorsorgeuntersuchungen gestärkt werden und nunmehr präventionsorientierte Beratungen und ärztliche Präventionsempfehlungen enthalten sollen. Nicht plausibel ist, warum die Schwangerenvorsorgeuntersuchungen hier ausgeklammert werden und das Präventionspotenzial der Schwangerenberatung ungenutzt bleibt.

Präventionsempfehlungen erreichen vulnerable Zielgruppen nicht

Bislang werden Präventionsangebote nach § 20 überwiegend von Bevölkerungsgruppen mit mittlerem und hohem sozio-ökonomischem Status wahrgenommen [1]. Daher möchten wir zu bedenken geben, dass ärztliche Empfehlungen zu Präventionsangeboten, wenn sie außerhalb der Vorsorgeuntersuchungen und der Praxis wahrzunehmen sind, vulnerable Zielgruppen kaum erreichen und somit dem Anspruch des Entwurfs, der Verminderung sozial bedingter Ungleichheit beizutragen, entgegenwirken. Hier gilt es, die Eltern am „Point of sale“ im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen „abzuholen“ und niedrig-schwellig, ergänzend zur ärztlichen Beratung z.B. durch Hebammen, Präventionsassistentinnen oder geschulte medizinische Fachangestellte über relevante Lebensstilthemen zu informieren, wie dies zum Beispiel derzeit im Rahmen der GeLiS-Studie in Bayern mit 2.500 Schwangeren erprobt wird (http://www.kem.wzw.tum.de/index.php?id=66; Felipo-Studie [2]).

Qualität präventionsorientierter Beratungen sichern

Die Beratungsqualität in präventionsorientierten Beratungen sollte gesichert werden durch Festlegung einheitlicher Beratungsstandards. So sind für die Themenfelder Ernährung, Bewegung und Allergieprävention, die von allen relevanten Fachgesellschaften in Deutschland konsentieren Handlungsempfehlungen des Netzwerks „Gesund ins Leben“ für die Schwangerschaft und das Säuglings- und Kleinkindalter zugrunde zu legen und standardisierte Qualifizierungsanforderungen/-angebote für die Erbringer der präventionsorientierten Beratungsleistungen festzuschreiben.

Einheitliche Handlungsfelder und Kriterien für die Leistungen nach § 20 Absatz 2

Für die Erstellung der einheitlichen Handlungsfelder und Kriterien für die Leistungen nach § 20 Absatz 2 für individualpräventive Angebote in der Lebensphase von der Schwangerschaft bis zum Ende des Kleinkindalters sollten die wissenschaftlichen Handlungsempfehlungen des Netzwerks „Gesund ins Leben“ für die Themenfelder Ernährung, Allergieprävention und gesunder Lebensstil (http://www.gesund-ins-leben.de/fuer-fachkraefte/handlungsempfehlungen/) zugrunde gelegt werden. Diese sind von allen relevanten Fachgesellschaften und Berufsverbänden konsentiert und stützen sich somit auf eine hohe Akzeptanz und Bekanntheit.

§ 20e Nationale Präventionskonferenz

Gesund ins Leben – Netzwerk Junge Familie vertritt bundesweit über 400 Institutionen, Fachgesellschaften und Organisationen im Bereich Gesundheitsförderung junger Familien, die im Rahmen der Netzwerkmitarbeit in großem Umfang fachliche Grundlagen und Maßnahmen für die Gesundheitsförderung und Prävention erarbeitet haben. Wir beantragen daher, in die nationale Präventionskonferenz bzw. in das Präventionsforum eingebunden zu werden, um die Netzwerk-Expertise für die Entwicklung einer bundesweiten Präventionsstrategie zu nutzen.

Hintergrund

„Gesund ins Leben – Netzwerk Junge Familie“ ist Teil von „IN FORM – Deutschlands Initiative für gesunde Ernährung und mehr Bewegung“ der Bundesregierung. Das Netzwerk besteht mittlerweile aus über 400 Institutionen, Verbänden und Fachgesellschaften, die junge Familien dabei unterstützen einen gesunden Lebensstil zu verwirklichen.

Gesund ins Leben – Netzwerk Junge Familie hat sich als führende Organisation im Handlungsfeld der Gesundheitsförderung von jungen Familien (Lebensphase: Schwangerschaft bis Ende des Kleinkindalters) etabliert. Die Netzwerkstruktur ist weltweit einzigartig und hat in Deutschland einen Ansatz geschaffen, der über föderale Strukturen hinweg alle Akteure im Umfeld junger Familien von der Gesundheitsförderung bis hin zur Jugendhilfe zu einem gemeinsamen Handeln im Umfeld junger Familien bringt. Mit dem Netzwerk „Gesund ins Leben“ ist es erstmals gelungen, dass sich alle relevanten Berufsverbände gemeinsam mit allen relevanten Fachgesellschaften in Deutschland auf einheitliche Handlungsempfehlungen und Botschaften zur Ernährung, Allergieprävention und gesundem Lebensstil während der Schwangerschaft, der Stillzeit und der ersten Lebensjahre verständigt haben. Es erlaubt einen strukturierten Zugang im Sinne eines Lebensweltbezugs vor allem unter Nutzung der Systeme der Gesundheitsvorsorge. Mit den Elternmaterialien des Netzwerks, überwiegend in (ärztlich/medizinischen) Beratungsgesprächen abgegeben, werden pro Jahr über 1,3 Mio junge Familien erreicht.

Das Netzwerk hat Qualifizierungsmaßnahmen für Multiplikatoren in den Themenfeldern Ernährung und Bewegung in Schwangerschaft, Säuglings- und Kleinkindalter sowie für die primäre Allergieprävention entwickelt und selbst bereits über 2.500 Multiplikatoren in eigenen Maßnahmen qualifiziert und viele 10.000 weitere Multiplikatoren über Fachvorträge, schriftliche Unterlagen informiert. Darüber hinaus bietet es Multiplikatoren diverse Beratungsmaterialien für eine qualitätsgesicherte Beratung an. Wir bieten an, diese Strukturen für eine effektive Prävention und Gesundheitsförderung im Rahmen des Gesetzes in den frühen und für die Prävention so wichtigen Lebensphasen von der Schwangerschaft bis zum Kleinkindalter zu nutzen.

Bonn, 21. November 2014

Stellungnahme: Gesund ins Leben – Netzwerk Junge Familie zum Referentenentwurf eines Gesetzes zur Stärkung der Gesundheitsförderung und der Prävention (Präventionsgesetz – PrävG) des BMG

Vorgelegt von:

Maria Flothkötter
Leitung: Gesund ins Leben – Netzwerk Junge Familie / aid infodienst Ernährung, Landwirtschaft, Verbraucherschutz
Heilsbachstraße 16
53123 Bonn
E-Mail: post@gesund-ins-leben.de
Internet: www.gesund-ins-leben.de

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