Nachgefragt: Wie gelingt das gemeinsame Essen mit Kleinkindern am Familientisch?

22.08.2016

Zusammen mit der Familie zu essen ist heute keine Selbstverständlichkeit mehr. Zwischen Beruf, Kita, Schule und Hobbies ist es oft eine Herausforderung, Zeit dafür zu finden. Das Netzwerk Gesund ins Leben empfiehlt Beratungskräften, junge Eltern darin zu ermutigen, so oft wie möglich zusammen mit ihren Kindern zu essen. Wie kann das Familienessen zu einem positiven Erlebnis für alle werden?

Familie lachend am Esstisch

Foto: © Monkey Business / Fotolia.com

In den ersten Lebensjahren wird die Grundlage dafür gelegt, was und wie ein Mensch im Laufe seines Lebens essen wird. Bei gemeinsamen Mahlzeiten lernen Kleinkinder alles, was sie für ein gutes Essverhalten brauchen. „Gemeinsam Essen ist nicht nur zum Sattwerden gut, sondern ein wichtiger Teil des Familienlebens. Am Tisch lernen Kinder zu kommunizieren und es werden Einstellungen zur Auswahl und Gestaltung des Essens vermittelt, die ein Kind fürs Leben prägen.“, erklärt Prof. Claudia Hellmers, Hebammenwissenschaftlerin im Netzwerk Gesund ins Leben.

Idealerweise isst die ganze Familie mindestens einmal am Tag zusammen. Ob morgens, mittags oder abends, spielt dabei keine Rolle. Hauptsache es gibt genügend Zeit, um in Ruhe und entspannt essen zu können. Erzählen, lachen und Spaß machen schafft eine angenehme Stimmung am Tisch, während Fernseher und andere Ablenkungen stören. Eltern sollten auch Toleranz fürs Kleckern zeigen. Denn wenn Eltern es ihrem Kind ermöglichen, selbstständig zu essen und aktiv an den Mahlzeiten teilzunehmen, wird das gemeinsame Essen zu einer runden Lernerfahrung.

Vorbild sein und klare Regeln aufstellen

Abwechslungsreiches und ausgewogenes Essen ist wichtig. Gleichzeitig ist die Bedeutung gemeinsamer Mahlzeiten nicht zu unterschätzen. Sie gehören zur Entwicklung eines gesunden Essverhaltens dazu, denn die Familie ist für ein Kleinkind der erste und wichtigste soziale Rahmen zum Essenlernen [1]. Kinder lernen viel durch Nachahmen, Interaktion und Kommunikation, vom Umgang mit Besteck über Tischmanieren bis zur Einstellung zu Lebensmitteln. Wenn die Eltern mit Genuss Gemüse essen oder Wasser zum Essen trinken, merken sich Kinder das gut. Deutlich schwieriger ist es dagegen, Kindern etwas zu vermitteln, das in der Gemeinschaft nicht gelebt wird.

Eine Routine und klare Regeln für alle Familienmitglieder – ob zum gemeinsamen Beginn, dem Ablauf der Mahlzeit oder der Rolle aller beim Tischdecken und Abräumen – geben dem Kind Sicherheit und Orientierung und machen das Familienessen entspannter. Ein zusätzliches Plus ist, dass Kinder mit häufigen Familienmahlzeiten gesünder essen und eher ein Normalgewicht haben als jene, die nur selten in Gemeinschaft mit der Familie essen [2].

Zwischen den Mahlzeiten nichts außer Wasser

Kleinkinder sollten in regelmäßigen Mahlzeiten essen, zum Beispiel 3 Hauptmahlzeiten und 2 kleinere Zwischenmahlzeiten. Der Mahlzeitenrhythmus strukturiert den Alltag von Kindern und sie lernen, dass es Zeiten zum Essen und Zeiten für Spiel, Bewegung und andere Dinge gibt. Zwischen den Mahlzeiten brauchen sie kein Essen oder andere Getränke als Wasser. Wenn Kleinkinder erfahren, dass ein Essbedürfnis nicht sofort befriedigt und zugunsten der (gemeinsamen) Mahlzeiten aufgeschoben werden kann, fördert das ein gesundes Essverhalten. Außerdem schmeckt es mit Vorfreude auf die nächste Mahlzeit und Platz im Magen gleich noch besser.

Mit Zeit und Ruhe essen

Papa tippt auf dem Handy, Mama liest die Zeitung und die Kinder schauen auf den Fernseher, der im Hintergrund läuft. Zwar sitzen alle gemeinsam am Tisch, aber dieses Szenario schöpft das Potenzial gemeinsamer Mahlzeiten nicht aus. Ein angenehmes soziales Miteinander beim Essen fördert die Ausbildung von Lebensmittelvorlieben und Essgewohnheiten [3, 4]. Eine Voraussetzung dafür ist, genügend Zeit zum Essen einzuplanen und Ablenkungen wie Spielsachen, Handy etc. für die essensfreie Zeit aufzuheben. Dann bleibt mehr Raum zum Austauschen, Lachen, Genießen und Entspannen vom Alltag.

Für das Kind ist es ein wichtiger Lernprozess, bei Mahlzeiten sitzen zu bleiben und sich für das Essen, Schmecken und Sattwerden Zeit zu nehmen. Im Schnitt dauern Mittag- und Abendessen in Deutschland 20 min [5]. Länger als 30 min sollte eine Hauptmahlzeit für Kleinkinder nicht dauern [6].

Gelassen bleiben und die Selbständigkeit fördern

Ohne Kleckern geht das Essenlernen nicht und mit etwas Übung wird das Kind bald „unfallfrei“ essen können. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf wird auch ein umgefallenes Glas weniger Stress bereiten. Geduld und Toleranz helfen dabei, die Mahlzeit für alle so entspannt wie möglich zu gestalten. Auch Lob für Dinge, die das Kind schon kann, trägt zu einer schönen Atmosphäre bei und macht gleichzeitig stolz und selbstbewusst.

Wann Kinder die feinmotorischen Fähigkeiten für den Umgang mit Besteck, Geschirr und Trinkgefäßen entwickeln, ist individuell sehr unterschiedlich. Manche Kleinkinder können schon mit 11 Monaten Pudding mit dem Löffel nehmen und in den Mund führen, andere erst im Alter von 2 Jahren [7]. Kleinere Gabeln und Löffel helfen, selbstständig zu essen. Spezielle Esslernbestecke (z. B. Schieber, spezielle Trinklernbecher) sind nicht notwendig.

Empfehlungen des Netzwerks Gesund ins Leben

Gemeinsame Mahlzeiten

Kleinkinder sollten ihre Mahlzeiten in einem regelmäßigen Rhythmus bekommen (z. B. 3 Hauptmahlzeiten und 2 kleinere Zwischenmahlzeiten). Mahlzeiten wechseln sich mit essensfreien Zeiten ab.

In den Essenspausen zwischen den Mahlzeiten (z. B. für 2–3 h) sollten weder Snacks, zuckerhaltige Getränke noch Milch angeboten werden. Wasser kann und sollte das Kind zu jeder Zeit zu sich nehmen können.

Mahlzeiten in Gemeinschaft und mit genügend Zeit und Ruhe (ohne Ablenkung z. B. durch laufendes Fernsehgerät) sind wünschenswert. Es ist anzustreben, dass die Familie mindestens einmal am Tag gemeinsam isst.

Eine freundliche Atmosphäre bei den Mahlzeiten macht das Essen zu einem positiven Erlebnis.

Eltern sollten ihrem Kind ermöglichen, selbstständig zu essen sowie aktiv an den Mahlzeiten teilzunehmen, und es darin unterstützen.

 Weitere Informationen:

Alle Empfehlungen des Netzwerks Gesund ins Leben zur Ernährung und Bewegung von Kleinkindern finden Sie online unter: www.gesund-ins-leben.de/fuer-fachkraefte/handlungsempfehlungen/kleinkinder 

Quellen:

[1] Brunner KM (2011) Der Ernährungsalltag im Wandel und die Frage der Steuerung von Konsummustern. In: Ploeger A, Hirschfelder G, Schönberger G (Hrsg) Die Zukunft auf dem Tisch. Analysen, Trends und Perspektiven der Ernährung von morgen. VS Verlag für Sozialwissenschaften/Springer Fachmedien, Wiesbaden, S. 203–218

[2] Hammons AJ, Fiese BH (2011) Is frequency of shared family meals related to the nutritional health of children and adolescents? Pediatrics 127:e1565–e1574

[3] Schwartz C, Scholtens PA, Lalanne A et al (2011) Development of healthy eating habits early in life. Review of recent evidence and selected guidelines. Appetite 57:796–807

[4] Shutts K, Kinzler KD, DeJesus JM (2013) Understanding infants’ and children’s social learning about foods: previous research and new prospects. Dev Psychol 49:419–425

[5] Deutsche Gesellschaft für Ernährung (2004) Ernährungsbericht 2004. Deutsche Gesellschaft für Ernährung, Bonn

[6] Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (2011) Gesund groß werden. Eltern-Ordner zum gesunden Aufwachsen und zu den Früherkennungsuntersuchungen für Kinder U1–U9 und J1. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Köln

[7] Carruth BR, Skinner JD (2002) Feeding behaviors and other motor development in healthy children (2–24 months). J Am Coll Nutr 21:88–96

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Zur Rubrik „Nachgefragt“:

In der Rubrik „Nachgefragt“ möchte das Netzwerk Gesund ins Leben Irrtümern auf den Grund gehen und altes Wissen neu erklären. Hier lesen Sie mehr: www.gesundinsleben.de/fuer-fachkraefte/nachgefragt

Über Gesund ins Leben:

Gesund ins Leben ist ein Netzwerk von Institutionen, Fachgesellschaften und Verbänden, die sich mit jungen Familien befassen. Das Ziel ist, Eltern einheitliche Botschaften zur Ernährung und Bewegung zu vermitteln, damit sie und ihre Kinder gesund leben und aufwachsen. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft fördert Gesund ins Leben als Teil des Nationalen Aktionsplans IN FORM: www.gesund-ins-leben.de

Über IN FORM:

IN FORM ist Deutschlands Initiative für gesunde Ernährung und mehr Bewegung. Sie wurde 2008 vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) und vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) initiiert und ist seitdem bundesweit mit Projektpartnern in allen Lebensbereichen aktiv. Ziel ist, das Ernährungs- und Bewegungsverhalten der Menschen dauerhaft zu verbessern. www.in-form.de  __________________________________________________________________________

Abdruck honorarfrei, Belegexemplar erbeten

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Dr. Katharina Reiss
Geschäftsstelle: Netzwerk Gesund ins Leben
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