Nachgefragt im Dezember: Brauchen Schwangere zusätzlich Folsäure?

16.12.2015

Jährlich werden in Deutschland 700 bis 1.000 Neuralrohrdefekte diagnostiziert [1]. Folat bzw. Folsäure spielen eine bedeutende Rolle in der Prävention dieser angeborenen kindlichen Fehlbildungen. Untersuchungen zeigen, dass die mittlere Folatzufuhr der Frauen in Deutschland im Mittel weit unter den Zufuhrempfehlungen liegt. Reicht es aus, sich ausgewogen zu ernähren und dabei gezielt folatreiche Lebensmittel auszuwählen, oder braucht jede Schwangere zusätzlich Folsäure?

Folsäure

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Eine gute Versorgung mit Folat ist für Schwangere besonders wichtig. Das Vitamin ist vor allem an der Teilung und Neubildung von Zellen beteiligt. Daher steigt in der Schwangerschaft die empfohlene Zufuhrmenge um 83 Prozent. Zusätzlich zu einer ausgewogenen, folatreichen Ernährung empfiehlt das Netzwerk Gesund ins Leben, eine IN FORM-Initiative des Bundesernährungsministeriums, mindestens bis zum Ende des dritten Schwangerschaftsmonats täglich 400 µg Folsäure (synthetisch hergestellte Form des Vitamins) einzunehmen. Schon bei Kinderwunsch sollte täglich Folsäure zusätzlich eingenommen werden, um das Risiko für Neuralrohrdefekte zu senken [2]. Es kommt auf beides an: eine ausgewogene Ernährung mit folatreichen Lebensmitteln, wie Gemüse, Hülsenfrüchten und Vollkornprodukten, sowie eine zusätzliche Einnahme von Folsäure als Supplement in den ersten Monaten. Die Gabe von Folsäure ergänzt die Folatzufuhr mit natürlichen Lebensmitteln. Sie ersetzt sie nicht.

Bedarf an Folat in der Schwangerschaft erhöht. Die natürlicherweise in Lebensmitteln vorkommenden Verbindungen des wasserlöslichen Vitamins heißen Folate. Die synthetische Form, die in Präparaten und in angereicherten Lebensmitteln zu finden ist, wird als Folsäure bezeichnet. Das Vitamin ist für Wachstum, Blutbildung und Nervengewebe und damit für eine gesunde Entwicklung des Fötus von Bedeutung [3]. Ab dem ersten Tag der Schwangerschaft steigt der Referenzwert für die Folatzufuhr von 300 µg auf 550 µg pro Tag [4, 5]. Die mittlere Folatzufuhr von Frauen in Deutschland liegt mit 184 µg am Tag deutlich darunter [6]. Viele Frauen gehen damit schlecht versorgt in die Schwangerschaft.

Neuralrohrdefekten frühzeitig vorbeugen. Folat bzw. Folsäure kommt eine wichtige Rolle in der Vorbeugung von angeborenen Fehlbildungen, insbesondere Neuralrohrdefekten, zu. Das Neuralrohr, aus dem sich im Lauf der embryonalen Entwicklung das Zentralnervensystem entwickelt, schließt sich normalerweise bereits drei bis vier Wochen nach der Empfängnis. Zu diesem Zeitpunkt wissen viele Frauen noch nicht, dass sie schwanger sind. Deshalb ist es wichtig, bereits vor der Schwangerschaft die Versorgung mit Folat und Folsäure zu optimieren. Mindestens 50 Prozent der Neuralrohrdefekte wären so vermeidbar [1].

Folatreich essen. Mit einer ausgewogenen Ernährung und einer gezielten Lebensmittelauswahl können werdende Mütter ihre Folatzufuhr verbessern. Folate kommen in tierischen und pflanzlichen Lebensmitteln vor. Reich an diesem Nährstoff sind grüne Blattgemüsearten, wie Spinat, Feldsalat, Kohl. Aber auch Tomaten, Hülsenfrüchte, Zitrusfrüchte und Beeren sind gute Folatlieferanten und ebenso alle Vollkornprodukte. Folatreich essen heißt somit: 3 Portionen Gemüse und 2 Portionen Obst am Tag zu sich nehmen und bei Getreideprodukten die Vollkornvariante wählen. Da Licht, Luft und Sauerstoff dem Vitamin schaden, sollten Gemüse und Obst möglichst schonend zubereitet werden. Mit Folsäure angereicherte Lebensmittel können die Versorgung mit diesem Vitamin erleichtern. Dazu gehört beispielsweise Jodsalz mit Folsäure, das wie jedes andere Salz sparsam zu dosieren ist [7].

Folsäure als Präparat ergänzen. Um das Risiko für kindliche Fehlbildungen des Nervensystems bzw. Neuralrohrdefekte zu senken, sollten Frauen, die schwanger werden wollen, zusätzlich zu einer folatreichen Ernährung täglich ein Folsäuresupplement mit 400 µg Folsäure zu sich nehmen. Die frühzeitige Einnahme ist entscheidend, denn es dauert etwa 6 bis 8 Wochen, bis eine präventiv wirksame Folatkonzentration im Körper erreicht ist [8, 9]. Die zusätzliche Folsäuregabe sollte mindestens bis zum Ende des ersten Schwangerschaftsdrittels fortgesetzt werden. Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass die Supplementierung das Risiko für kindliche Fehlbildungen des Nervensystems bzw. Neuralrohrdefekte deutlich verringert [10]. Einzelne Studien weisen auch auf eine Risikominderung für weitere Fehlbildungen, wie beispielsweise Herzfehler und Lippen-Kiefer-Gaumenspalten hin [2, 8]. Die empfohlene Folsäuremenge zur Vorbeugung von Neuralrohrdefekten kann sowohl allein oder in Kombination mit anderen Mikronährstoffen eingenommen werden [2]. In beiden Fällen sollten die Präparate 400 µg Folsäure enthalten [2]. Synthetische Folsäure wird besonders gut vom Körper aufgenommen. Eine Überdosierung ist nicht zu befürchten. Denn bis zu einer Dosis von 1.000 µg Folsäure am Tag ist eine langfristige Gabe auch in der Schwangerschaft gesundheitlich unbedenklich [5, 9]. Beginnt die Mutter erst kurz vor oder kurz nach der Empfängnis mit der Einnahme von Folsäurepräparaten, sollte eine höhere Dosierung in Abstimmung mit dem Arzt verwendet werden. Wer über den dritten Schwangerschaftsmonat hinaus Folsäurepräparate verwenden möchte, kann dies tun, Neuralrohrdefekten damit aber nicht mehr vorbeugen.

Quellen:

[1] Obeid R, Oexle K, Rißmann A, Pietrzik K, Koletzko B: Folate status and health: challenges and opportunities. J Perinat Med 2015.

[2] Koletzko B, Bauer CP, Bung P, Cremer M, Flothkotter M, Hellmers C, Kersting M, Krawinkel M, Przyrembel H, Rasenack R et al: Ernährung in der Schwangerschaft - Handlungsempfehlungen des Netzwerks "Gesund ins Leben - Netzwerk Junge Familie" [Nutrition in pregnancy - Practice recommendations of the Network "Healthy Start - Young Family Network"]. Dtsch Med Wochenschr 2012, 137(25-26):1366-1372.

[3] Dickau K, Deutsche Gesellschaft für Ernährung (Hg.): Die Nährstoffe. Bausteine für Ihre Gesundheit. In. Edited by Deutsche Gesellschaft für Ernährung: Deutsche Gesellschaft für Ernährung; 2011: 84.

[4] Deutsche Gesellschaft für Ernährung, Österreichische Gesellschaft für Ernährung, Schweizerische Gesellschaft für Ernährungsforschung, Schweizerische Vereinigung für Ernährung (Hrsg.): Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr. , 2. Auflage, 1. Ausgabe edn. Bonn; 2015.

[5] Krawinkel MB, Strohm D, Weissenborn A, Watzl B, Eichholzer M, Barlocher K, Elmadfa I, Leschik-Bonnet E, Heseker H: Revised D-A-CH intake recommendations for folate: how much is needed? Eur J Clin Nutr 2014, 68(6):719-723.

[6] Heseker H: Ernährungssituation in Deutschland. In: 12 Ernährungsbericht. edn. Edited by Ernährung DGf. Bonn; 2012.

[7] aid infodienst (Hrsg.): Ernährung und Bewegung in der Schwangerschaft. Referentenhandbuch zur Multiplikatorenfortbildung. Bonn; 2014.

[8] Bühling KJ: Welche Folsäure-Dosierung ist die richtige? Frauenarzt 2015, 56(8):788-791.

[9] Ströhle A, Wolters M, Hadji P, Hahn A: Folsäure und Neuralrohrdefekte. Frauenarzt 2014, 55(6):596-605.

[10] De-Regil LM, Fernandez-Gaxiola AC, Dowswell T, Pena-Rosas JP: Effects and safety of periconceptional folate supplementation for preventing birth defects. Cochrane Database Syst Rev 2010(10):CD007950.

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