Nachgefragt: Gibt es Lebensmittel, die für Kleinkinder tabu sind?

13.04.2016

Säuglinge lernen mit der Zeit immer mehr Lebensmittel kennen. Mit dem Übergang von der B(r)eikost zum Familienessen wird die Auswahl noch größer. Können Kleinkinder schon alles mitessen oder sollten bestimmte Lebensmittel für sie noch nicht auf dem Speiseplan stehen?

Kleines Mädchen isst Gemüse

Foto: © Oksana Kuzmina / Fotolia.com

Kleinkinder können fast so essen „wie die Großen“. Bei der Auswahl von Lebensmitteln gelten für sie die gleichen Empfehlungen wie für eine ausgewogene Familienernährung: reichlich Pflanzliches und Getränke, mäßig Tierisches und sparsam Fettes und Süßes. Nur einige wenige Lebensmittel sollten Kleinkinder noch nicht essen, empfiehlt das Netzwerk Gesund ins Leben: Kleine Lebensmittel oder Lebensmittelstücke – etwa in Erdnussgröße – und rohe tierische Lebensmittel. 

Kleine Lebensmittelstücke landen leicht „im falschen Hals“. Kleinkinder nehmen gern alles in den Mund, reden während des Kauens, und ihr Kauvermögen ist durch das Fehlen der Backenzähne noch stark eingeschränkt [1, 2]. Deshalb haben sie ein höheres Aspirationsrisiko: Fremdkörper gelangen häufiger in ihre Atemwege. Wenn dadurch die oberen Atemwege verschlossen werden, besteht akute Erstickungsgefahr. Gelangt der Fremdkörper weiter in die Bronchien oder tief in die Lunge, kann er dort zu schweren Entzündungen führen.

Empfehlung des Netzwerks Gesund ins Leben
Nüsse, Mandeln und andere harte Lebensmittelstücke in „Erdnussgröße“ bergen Aspirationsgefahr (Verschlucken in die Luftröhre) und sollten für Kleinkinder nicht zugänglich sein.

An diesen Lebensmitteln können sich Kleinkinder leicht verschlucken:

  • Nüsse
  • Samen
  • kleine Beeren
  • ganze Weintrauben mit Kernen
  • Hülsenfrüchte
  • rohes Wurzelgemüse (im Ganzen oder in Stücken)
  • Fisch mit Gräten
  • große Fleischstücke
  • harte Lutschbonbons Kaugummis. [2, 3]

In der Praxis hat sich gezeigt, dass Kleinkinder z.B. besser den ganzen Apfel zum „Abnagen“ bekommen sollten als kleine Stücke, an denen sie sich verschlucken können.

Rohe tierische Lebensmittel – nein danke! Bei Kindern im Alter bis zu 5 Jahren ist Hygiene bei der Zubereitung von tierischen Speisen besonders wichtig, da ihre Immunabwehr noch nicht vollständig ausgereift ist [4]. Lebensmittelinfektionen können daher schwerwiegende Folgen haben.

In rohen tierischen Lebensmitteln kommen vor allem Erreger wie Salmonellen, Campylobacter, Yersinien und enterohämorrhagische Escherichia coli (EHEC) in größeren Mengen vor. Sie sind am häufigsten für Lebensmittelinfektionen im Kleinkindalter verantwortlich [5, 6]. Deshalb sollten Kleinkinder diese Lebensmittel nicht essen. Wer sich noch aus der Schwangerschaft an die Empfehlung „keine rohen tierischen Lebensmittel“ erinnert, kann die gleichen Regeln jetzt für sein Kind anwenden.

Empfehlung des Netzwerks Gesund ins Leben

Kleinkinder sollen keine rohen tierischen Lebensmittel essen.

Dazu gehören rohes oder nichtdurchgebratenes Fleisch, Rohwurst, roher Fisch, Rohmilch und Weichkäse aus Rohmilch, rohe Eier und daraus hergestellte, nicht ausreichend erhitzte Lebensmittel.

Diese Lebensmittel sollten Kleinkinder besser nicht essen:

  • Milch, Käse und daraus hergestellte Produkte mit der Aufschrift „Rohmilch“ oder „mit Rohmilch hergestellt“,
  • rohes Fleisch (z.B. Mett oder Hackepeter), Rohwurst (z.B. Salami, Teewurst oder Cervelatwurst), roher Fisch und rohe Meerestiere (z.B. Sushi) und
  • rohe Eier sowie daraus hergestellte, nicht erhitzte Speisen (z.B. selbstgemachtes Mousse au chocolat oder Mayonnaise).

Gut durcherhitzt schmeckt’s allen gut! Rohe tierische Lebensmittel wie Fleisch, Fisch und Eier sollten vor dem Verzehr ausreichend erhitzt werden. Ausreichend heißt, dass sie im Inneren mindestens 2 Minuten auf 70°C oder darüber erhitzt werden. Ein nur kurzes Aufkochen oder Erhitzen in der Mikrowelle kann unzureichend sein. Auch pflanzliche Lebensmittel können schädliche Keime enthalten. Sprossen wurden als Ursache von teils lebensbedrohlichen EHEC-Infektionen identifiziert [7], Tiefkühlbeeren konnten als Ursache für Erkrankungen mit Noroviren und Hepatitisviren ermittelt werden [8]. Auch diese Lebensmittel sollten daher vor dem Verzehr durch Kochen oder Braten ausreichend erhitzt werden.

Vielfalt – ja, bitte! Damit bleibt für Kleinkinder eine große Vielfalt an Lebensmitteln, die sie mit allen Sinnen kennenlernen und essen können. Abwechslung und Vielfalt beim Essen tragen zum Genuss und zur Entwicklung eines gesunden Essverhaltens bei und versorgen Kleinkinder mit wichtigen Nährstoffen.

Weitere Informationen:

Alle Empfehlungen des Netzwerks Gesund ins Leben zur Ernährung und Bewegung von Kleinkindern finden Sie online unter:
www.gesund-ins-leben.de/fuer-fachkraefte/handlungsempfehlungen/kleinkinder

Quellen:

[1] Brkic F, Umihanic S (2007) Tracheobronchial foreign bodies in children. Experience at ORL clinic Tuzla, 1954–2004. Int J Pediatr Otorhinolaryngol 71:909–915

[2] Gregori D, Salerni L, Scarinzi C et al (2008) Foreign bodies in the upper airways causing complications and requiring hospitalization in children aged 0–14 years: results from the ESFBI study. Eur Arch Otorhinolaryngol 265:971–978

[3] Benjamin SE (2012) Making food healthy and safe for children: how to meet the caring for our children: national health and safety performance standards; guidelines for early care and educations programs. The National Training Institute for Child Care Health Consultants, Chapel Hill/NC

[4] Bundesinstitut für Risikobewertung (2015) Sicher verpflegt. Besonders empfindliche Personengruppen in Gemeinschaftseinrichtungen

[5] Robert Koch-Institut (2015) SurvStat. http://www3.rki.de/SurvStat

[6] Bundesinstitut für Risikobewertung (2012) Hackepeter und rohes Mett sind nichts für kleine Kinder! Presseinformation 11/2012 des BfR vom 12. März 2012

[7] Robert Koch-Institut (2012) Infektionsepidemiologisches Jahrbuch meldepflichtiger Krankheiten für 2011. RKI, Berlin

[8] Robert Koch-Institut (2012) Großer Gastroenteritis-Ausbruch durch eine Charge mit Noroviren kontaminierter Tiefkühlerdbeeren in Kinderbetreuungseinrichtungen und Schulen in Ostdeutschland, 09–10/2012. Epidemiol Bull 41 __________________________________________________________________________

Zur Rubrik „Nachgefragt“:

In der Rubrik „Nachgefragt“ möchte das Netzwerk Gesund ins Leben Irrtümern auf den Grund gehen und altes Wissen neu erklären. Hier lesen Sie mehr: www.gesundinsleben.de/fuer-fachkraefte/nachgefragt

Über Gesund ins Leben:

Gesund ins Leben ist ein Netzwerk von Institutionen, Fachgesellschaften und Verbänden, die sich mit jungen Familien befassen. Das Ziel ist, Eltern einheitliche Botschaften zur Ernährung und Bewegung zu vermitteln. Damit sie und ihre Kinder gesund leben und aufwachsen. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft fördert Gesund ins Leben als Teil des Nationalen Aktionsplans IN FORM: www.gesund-ins-leben.de 

Über IN FORM:

IN FORM ist Deutschlands Initiative für gesunde Ernährung und mehr Bewegung. Sie wurde 2008 vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) und vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) initiiert und ist seitdem bundesweit mit Projektpartnern in allen Lebensbereichen aktiv. Ziel ist, das Ernährungs- und Bewegungsverhalten der Menschen dauerhaft zu verbessern. www.in-form.de 

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Abdruck honorarfrei, Belegexemplar erbeten

Kontakt:

Nora Moltrecht
Geschäftsstelle: Netzwerk Gesund ins Leben
aid infodienst Ernährung, Landwirtschaft, Verbraucherschutz e. V.
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