Empfehlungen
- Frauen mit Kinderwunsch sollen zusätzlich zu einer ausgewogenen Ernährung 400 µg Folsäure pro Tag bzw. eine äquivalente Menge anderer Folate supplementieren.
- Die Einnahme soll ab Kinderwunsch beginnen und bis zum Ende der 12. Schwangerschaftswoche fortgesetzt werden.
- Frauen, die mit der Supplementierung von Folsäure nicht mindestens 4 Wochen vor der Konzeption begonnen haben, sollen 800 µg Folsäure pro Tag bzw. eine äquivalente Menge anderer Folate bis zum Ende der 12. Schwangerschaftswoche einnehmen.
Grundlagen der Empfehlungen
Eine perikonzeptionelle Supplementierung von Folsäure kann das Risiko für kindliche Fehlbildungen des Nervensystems (Neuralrohrdefekte) reduzieren [158–160]. Nicht nur in Deutschland, sondern auch international wird empfohlen, dass Frauen, die schwanger werden wollen oder könnten, zusätzlich zu einer bedarfsgerechten Ernährung ein Folsäuresupplement einnehmen. Die Einnahme soll spätestens 4 Wochen vor Konzeption beginnen. Das Supplement sollte 400 µg Folsäure/Tag oder äquivalente Mengen anderer zugelassener Folate enthalten. Die Supplementierung soll auch im ersten Schwangerschaftsdrittel beibehalten werden [14–16, 82, 91, 161–163].
Um die größtmögliche Verringerung des Risikos für Neuralrohrdefekte zu erreichen, sollte die Folatkonzentration in den Erythrozyten bei Frauen im gebärfähigen Alter laut WHO ≥ 906 nmol/l betragen [164]. Laut einer Studie hatten im Jahr 2017 in Deutschland 88 % von 198 Frauen einen Folatspiegel unterhalb dieses Richtwertes [165]. Auch laut der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1, Erhebungszeitraum 2008–2011) erreichen nur 3 bis 4 % der 18- bis 49-jährigen Frauen diese Folatkonzentration [166].
Studien zeigen, dass bei einer Supplementierung von 800 µg Folsäure pro Tag schneller die von der WHO zur Risikoreduktion empfohlene Folatkonzentration in den Erythrozyten erreicht werden kann [164, 165, 167–169]. Aus diesem Grund wird Frauen, die mit der Folsäuresupplementierung nicht mindestens 4 Wochen vor der Konzeption begonnen haben, diese höhere Dosis von 800 µg pro Tag empfohlen. Auch mit dieser Dosis bleibt das Risiko gering für eine Überschreitung der tolerierbaren Obergrenze für die tägliche Zufuhr (Tolerable Upper Intake Level; UL) von 1 000 µg Folsäure/Tag, die die EFSA für die zusätzliche Zufuhr von Folsäure und/oder anderen Folaten über Supplemente und/oder angereicherte Lebensmittel abgeleitet hat [170].
Hintergrundinformationen
Folat ist der Oberbegriff für ein wasserlösliches B-Vitamin. Folatverbindungen (Folate) kommen natürlicherweise in Lebensmitteln wie Spinat, Salaten, Tomaten, Hülsenfrüchten, Nüssen, Vollkornprodukten und Eiern vor. Folsäure (Pteroylmonoglutaminsäure) ist die synthetisch hergestellte Form des Vitamins, die zur Anreicherung von Lebensmitteln wie Speisesalz oder Frühstückscerealien sowie in Supplementen verwendet wird [82].
Natürliche Folate haben eine geringere Bioverfügbarkeit als Folsäure. Der Begriff Folatäquivalente (Dietary Folate Equivalents; DFE) trägt diesen Unterschieden Rechnung. Dabei entspricht 1 μg DFE = 1 μg Folat aus Lebensmitteln = 0,6 μg synthetische Folsäure aus angereicherten Lebensmitteln oder Supplementen. In der Europäischen Union sind neben Folsäure auch Calcium-L-Methylfolat und (6S)-5-Methyltetrahydrofolsäure, Glucosaminsalz (5-MTHF) sowie Mononatriumsalz der L-5-Methyltetrahydrofolsäure als Folatverbindungen für Nahrungsergänzungsmittel zugelassen [171, 172]. Eine Supplementierung mit 5-MTHF erhöhte in einer randomisiert kontrollierten Interventionsstudie (RCT) die Folatkonzentration in den Erythrozyten effektiver als eine mit Folsäure [173]. Die EFSA verweist in diesem Zusammenhang auf Unterschiede in der Bioverfügbarkeit von 5-MTHF und Folsäure in Abhängigkeit von der Dosierung (< 400 μg/Tag vs. ≥ 400 μg/Tag) [174].
Folat ist an verschiedenen Stoffwechselprozessen beteiligt und u. a. wichtig für Zellteilung und Wachstumsprozesse. Schwangere haben aufgrund des Wachstums des fetalen und mütterlichen Gewebes einen höheren Folatbedarf als Nichtschwangere. Die EFSA definiert als angemessene Zufuhrmenge für schwangere Frauen 600 µg Folatäquivalente/Tag, während für Erwachsene im Allgemeinen 330 µg Folatäquivalente/Tag empfohlen werden [175]. Die DGE empfiehlt für Erwachsene eine Zufuhr von 300 µg Folatäquivalente/Tag und für schwangere Frauen von 550 µg Folatäquivalente/Tag [82]. Nach Angaben der Nationalen Verzehrsstudie (NVS II) lag bei Frauen in allen Altersgruppen der Median der Zufuhr an Folatäquivalenten/Tag unter der empfohlenen Zufuhr – 86 % der Frauen erreichten demnach die empfohlene Zufuhr nicht [176].
Die Einnahme eines Folsäuresupplements vor und während der Schwangerschaft verringert nachweislich das Risiko für angeborene Fehlbildungen (Neuralrohrdefekte), die das Gehirn und/oder das Rückenmark des Kindes betreffen können [158–160, 177]. Der Verschluss des Neuralrohrs erfolgt normalerweise bereits 4 Wochen nach der Konzeption, weshalb für eine größtmögliche Risikoreduktion für Neuralrohrdefekte mit der Folsäuresupplementierung bereits vor der Konzeption begonnen werden sollte [82, 178].
Die Basisprävalenz für Neuralrohrdefekte in Sachsen-Anhalt (derzeit einziges Bundesland in Deutschland mit bevölkerungsbezogenen Prävalenzdaten zu Neuralrohrdefekten) lag im Berichtszeitraum 2012–2023 bei 9,3 pro 10 000 Geburten (Lebendgeborene + Totgeborene). Das europäische Fehlbildungsregister EUROCAT gibt für denselben Zeitraum 10,8 pro 10 000 Geburten an. Die 3 neuralen Verschlussstörungen Anenzephalie, Spina bifida („offener Rücken“) und Enzephalozele bilden zusammen die Gruppe der Neuralrohrdefekte. Die meisten Kinder bzw. Feten mit einem Neuralrohrdefekt sind von einer Spina bifida betroffen [179].
Daten aus Befragungen in Deutschland weisen darauf hin, dass lediglich etwa 40 % der Schwangeren Folsäure zur empfohlenen Zeit (vor und während der Schwangerschaft) und in der richtigen Dosierung einnehmen [11, 180, 181].
Für Frauen mit Adipositas gelten für die Zeit vor und in der Schwangerschaft dieselben Folsäuredosierungsempfehlungen wie für Frauen ohne Adipositas [182].
Hat eine Frau bereits ein Kind mit einem Neuralrohrdefekt geboren, ist das Risiko eines wiederholten Auftretens von Neuralrohrdefekten bei Geschwisterkindern größer. Eine ausreichende, ggf. höhere Folsäuredosierung, ist hier in ärztlicher Absprache zur Vorbeugung besonders wichtig [16, 82, 161, 183].
Es deutet sich an, dass die Supplementierung von Folsäure in der Schwangerschaft mit weiteren positiven Wirkungen auf die kindliche und auch die mütterliche Gesundheit verbunden sein kann. So gibt es aus einigen Studien Hinweise darauf, dass eine gute Folatversorgung oder eine mütterliche Folsäuresupplementierung mit einem geringeren Risiko für Präeklampsie [184–186], Frühgeburt [187], Autismus [188] und perinataler Depression [189] assoziiert war.