Empfehlungen
- Bei Kinderwunsch und in der Schwangerschaft soll auf eine ausreichende Jodversorgung geachtet werden. Dies kann durch jodreiche bzw. mit Jodsalz hergestellte Lebensmittel sowie die Verwendung von Jodsalz im Haushalt erreicht werden.
- Schwangere sollten zusätzlich zu einer ausgewogenen Ernährung täglich ein Supplement mit 100 bis 150 µg Jod über die gesamte Zeit der Schwangerschaft einnehmen. Bei Schilddrüsenerkrankungen soll vor der Supplementierung Rücksprache mit der behandelnden Ärztin bzw. dem behandelnden Arzt erfolgen.
Grundlagen der Empfehlungen
Die Bestimmung des Jodversorgungsstatus in der Bevölkerung erfolgt durch die Messung der Jodkonzentration im Urin (Urine Iodine Concentration; UIC). Die Jodversorgung der Bevölkerung in Deutschland ist nicht optimal [190]. Die WHO hat auf Basis von Jod-Urinausscheidungen Grenzwerte für einen Jodmangel festgelegt [191]. Dementsprechend herrscht in Deutschland ein milder Jodmangel („mild deficiency“). Repräsentative Daten zur Jodversorgung der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland wurden zuletzt in der DEGS1-Studie (Erhebungszeitraum 2008–2011) erhoben: Die geschätzte mediane Jodzufuhr lag demnach bei Frauen im Alter von 18 bis 29 Jahren und 30 bis 39 Jahren bei 99,5 bzw. 114,4 µg/Tag [192] – und somit bei Frauen im gebärfähigen Alter unterhalb der von der DGE empfohlenen Jodzufuhr von 150 µg/Tag und auch unter der für Schwangere empfohlenen Zufuhr von 220 µg/Tag [82].
Es erscheint angesichts der in der DEGS1-Studie für Frauen im gebärfähigen Alter ermittelten Zufuhrmediane ratsam, in der Schwangerschaft täglich 100 bis 150 μg Jod zu supplementieren, um die empfohlene Zufuhr während der Schwangerschaft zu erreichen [193]. Auch in der Mutterschafts-Richtlinie wird die Notwendigkeit einer ausreichenden Jodzufuhr betont und eine zusätzliche Zufuhr von 100 bis 200 μg/Tag während der Schwangerschaft für notwendig erachtet [194]. Die Supplementierungsempfehlung ist auch mit den Empfehlungen internationaler und nationaler Fachgesellschaften bzw. -institutionen vergleichbar [14, 45, 93, 195–198].
Hintergrundinformationen
Jod kommt natürlicherweise in relevanten Mengen in marinen Lebensmitteln wie Fisch, Meeresfrüchten und Algen vor. Durch die Verwendung von Jod als Futtermittelzusatzstoff können auch Milch und Milchprodukte sowie Eier gute Jodlieferanten darstellen. Milch aus ökologischer Landwirtschaft enthält häufig weniger Jod als die aus konventioneller Landwirtschaft [82]. Bei der Verwendung von pflanzlichen Milchalternativen stellen nur die mit Jod angereicherten Produkte eine Jodquelle dar, da rein pflanzliche Produkte natürlicherweise kaum Jod enthalten [155].
Neben diesen Lebensmitteln sind jodiertes Speisesalz sowie damit hergestellte Lebensmittel wichtige Jodquellen [82]. Auch bei Frauen mit einer Autoimmunerkrankung der Schilddrüse (Hashimoto-Thyreoiditis oder Morbus Basedow) ist eine jodreiche Ernährung im Bereich der empfohlenen Zufuhrreferenzwerte sowie die Verwendung von jodiertem Speisesalz in der Regel unproblematisch [190].
In der Schwangerschaft passt sich der mütterliche Jodstoffwechsel vor dem Hintergrund von Wachstum und Entwicklung des Kindes an: So steigt die Produktion des Schilddrüsenhormons Thyroxin (T4), es werden Schilddrüsenhormone auf das ungeborene Kind übertragen und die renale Ausscheidung nimmt zu [199, 200]. Entsprechend haben Schwangere einen höheren Bedarf an Jod als Nichtschwangere. Die empfohlene Jodzufuhr für Schwangere steigt daher auf 220 μg pro Tag [82].
Eine Reihe von Studien deutet darauf hin, dass ein schwerer Jodmangel, vor allem in der frühen Schwangerschaft, negative Auswirkungen auf die neurologische und kognitive Entwicklung, aber auch auf das (prä- und postnatale) Wachstum des Kindes hat [201–206].
Studien, in denen die gesundheitlichen Effekte einer Jodsupplementierung in der Schwangerschaft bei mildem oder moderatem Jodmangel untersucht wurden, lassen allerdings keine klaren Schlussfolgerungen zu. In jedem Fall führt eine Jodsupplementierung zu einer Steigerung des Jodurinstatus der werdenden Mutter sowie des Neugeborenen [207, 208]. Um die konkreten Auswirkungen der Supplementierung auf die neurokognitive Entwicklung und das Wachstum des Kindes abschließend zu klären, sind jedoch weitere valide Studien erforderlich [209–214].
Aufgrund des erhöhten Risikos für eine unzureichende Jodversorgung bei Frauen im gebärfähigen Alter, welches sich durch den steigenden Jodbedarf während der Schwangerschaft noch weiter verstärkt, wird in Deutschland eine generelle Jodsupplementierung in der Schwangerschaft empfohlen. Es wird diskutiert, mit der Jodsupplementierung bereits präkonzeptionell zu beginnen [215], jedoch ist die wissenschaftliche Datenlage hierzu unzureichend. In jedem Fall sollte aber, auch bereits bei Kinderwunsch, auf eine jodreiche Ernährung geachtet werden, indem beispielsweise regelmäßig Fisch sowie Milch und Milchprodukte verzehrt werden, im Haushalt zum Salzen ausschließlich Jodsalz verwendet wird und bevorzugt Brot und Fleischwaren konsumiert werden, die mit Jodsalz hergestellt wurden.
Das BfR schlägt für die Zufuhr aus Nahrungsergänzungsmitteln eine Höchstmenge von 150 μg Jod für Schwangere vor [216]. Befragungsdaten zeigen, dass ein Drittel bis maximal die Hälfte der Frauen während der Schwangerschaft tatsächlich auch ein Jodsupplement verwendet [11, 180, 217].
Die EFSA hat für Jod eine tolerierbare Obergrenze für die tägliche Zufuhr (Tolerable Upper Intake Level; UL) von 600 µg/Tag für Erwachsene, einschließlich Schwangere, abgeleitet [218]. Die Jodgehalte in getrockneten Algen- und Seetangprodukten variieren sehr stark und können zum Teil so hoch sein, dass bereits ein geringer Verzehr mit einer vielfachen Überschreitung des UL einhergehen kann und somit ein gesundheitliches Risiko (Störungen der Schilddrüsenfunktion) darstellt. Beim Kauf von getrockneten Algen- und Seetangprodukten sollte daher darauf geachtet werden, dass die Produkte Hinweise zum Jodgehalt und zur maximalen Verzehrmenge enthalten [219].