Empfehlung
- Eine gezielte Eisensupplementierung zusätzlich zu einer ausgewogenen Ernährung soll nur nach einem laborchemisch diagnostizierten Eisenmangel erfolgen.
Grundlagen der Empfehlung
Der Referenzwert für die Eisenzufuhr ist in der Zeit der Schwangerschaft mit 27 mg/Tag höher als in anderen Lebensphasen [82]. Die Einnahme eines Eisensupplements sollte allerdings nur nach laborchemischer Feststellung eines Eisenmangels erfolgen [82, 253]. Diese Empfehlung deckt sich mit Empfehlungen aus anderen Ländern (z. B. Großbritannien [254], Australien [14] oder den USA [94]).
Die WHO empfiehlt hingegen eine routinemäßige Supplementierung von Eisen in Kombination mit Folsäure in der Schwangerschaft, da in Entwicklungsländern ein erheblicher Anteil von Schwangeren eine Eisenmangelanämie aufweist und der Zugang zu individualisierten laborchemischen Untersuchungen zur Bestimmung des Eisenstatus eingeschränkt ist [42].
Hintergrundinformationen
Eisen ist ein essenzielles Spurenelement und als Bestandteil des Hämoglobins am Transport von Sauerstoff sowie weiteren grundlegenden Stoffwechselvorgängen beteiligt. Der Eisenzufuhrreferenzwert liegt für Frauen vor der Menopause bei 16 mg/Tag [82].
Laut Nationaler Verzehrsstudie (NVS II) liegt die mediane Eisenzufuhr von Frauen bei insgesamt 11,8 mg/Tag, mit nur sehr geringer Veränderung über die Altersgruppen [176]. Die Daten zeigen somit, dass die empfohlene Eisenzufuhr von der Mehrheit der Frauen nicht erreicht wird. Eine Eisenzufuhr unterhalb des Referenzwerts ist zwar nicht mit einem Eisenmangel gleichzusetzen, sie kann aber langfristig das Risiko für einen Eisenmangel und eine daraus entstehende Eisenmangelanämie erhöhen.
Die individuelle Versorgung lässt sich durch eine gezielte Lebensmittelauswahl sichern. Eisen kommt in tierischen (vor allem Fleisch, Fleisch- und Wurstwaren) und in pflanzlichen Lebensmitteln (vor allem Vollkorngetreideprodukte, grünes Blattgemüse und Hülsenfrüchte) vor. Dabei ist die Bioverfügbarkeit des Hämeisens aus tierischen Lebensmitteln in der Regel besser als die des Nicht-Hämeisens, welches überwiegend in pflanzlichen Lebensmitteln enthalten ist [82].
Während der Schwangerschaft steigt der Eisenbedarf vor allem aufgrund der Zunahme des mütterlichen Blutvolumens und des Wachstums von Fetus und Plazenta. Ein Eisenmangel in der Schwangerschaft erhöht das Risiko für eine Frühgeburt sowie ein geringes Geburtsgewicht [255–257]. Eine aktuelle Übersichtsarbeit zeigt, dass eine Eisensupplementierung das Risiko für einen Eisenmangel sowie für eine Eisenmangelanämie bei der Mutter verringern kann, bei anderen mütterlichen und kindlichen Endpunkten gab es jedoch kaum oder gar keine Unterschiede zwischen den Gruppen oder die Evidenz war unklar [258]. Allerdings ist ein erhöhter Eisenstatus der Mutter genauso mit Frühgeburt, einem geringen Geburtsgewicht und zusätzlich mit Schwangerschaftsdiabetes assoziiert [256, 257, 259–261]. Dies unterstreicht die Bedeutung eines adäquaten mütterlichen Eisenstatus während der Schwangerschaft [262–264].
Eine zusätzliche Eisenzufuhr, insbesondere durch (hochdosierte) Eisenpräparate, kann bei Schwangeren, die bereits gut mit Eisen versorgt sind, die genannten unerwünschten Auswirkungen sowie im Allgemeinen gastrointestinale Beschwerden wie Übelkeit oder Obstipation zur Folge haben [265]. Um dies zu vermeiden, kann hier ggf. neben der Dosierung u. a. auch das Dosierungsschema angepasst werden (z. B. täglich vs. intermittierend) [266, 267]. Die EFSA hat eine sichere Zufuhr (Safe Level of Intake) von 40 mg/Tag für Erwachsene, einschließlich Schwangere, abgeleitet [265].
Vor diesem Hintergrund wird u. a. in Deutschland keine routinemäßige Supplementierung in der Schwangerschaft empfohlen, sondern eine bedarfsgerechte, individuelle Handhabung: Schwangere sollen Eisen nur nach einem laborchemisch diagnostizierten Mangel supplementieren.
Auch die US Preventive Services Task Force (USPSTF) kommt in ihrer aktualisierten Stellungnahme zu dem Schluss, dass die derzeitige Datenlage für die Empfehlung einer routinemäßigen Eisensupplementierung in der Schwangerschaft nicht ausreicht [268].
Laut Mutterschafts-Richtlinie sollte eine Hämoglobinbestimmung als ein möglicher Indikator für die Eisenversorgung bei der ersten Vorsorgeuntersuchung nach Feststellung der Schwangerschaft erfolgen und bei Normwert ab dem 6. Schwangerschaftsmonat im Abstand von 4 Wochen wiederholt werden [194].
Um einen Eisenmangel frühzeitig zu erkennen und therapeutische Maßnahmen einzuleiten, bevor sich eine Eisenmangelanämie entwickelt, wird gleichzeitig zu den Hämoglobinwerten die Überprüfung weiterer Eisenmangelindikatoren (Ferritin, ggf. CRP, Transferrinsättigung) empfohlen [269].