Empfehlungen
- Um eine gute Vitamin-D-Versorgung durch Eigensynthese sicherzustellen, genügt es, Gesicht, Hände und Arme unbedeckt und ohne Sonnenschutz 2- bis 3-mal pro Woche für die Hälfte der Zeit, in der man sonst ungeschützt einen Sonnenbrand bekommen würde, der Sonne auszusetzen. Beispielsweise bedeutet dies für Menschen mit Hauttyp II bei hohen sonnenbrandwirksamen UV-Bestrahlungsintensitäten (UV-Index 7) rein rechnerisch eine Bestrahlungszeit von circa 12 Minuten. Ein Sonnenbrand soll auf jeden Fall vermieden werden.
- Bei Schwangeren, die sich bei Sonne selten draußen aufhalten oder ihre Haut weitgehend bedecken bzw. vor Sonne schützen, und bei dunkler Hautfarbe ist mit einer geringen oder fehlenden Vitamin-D-Eigensynthese zu rechnen. Sie sollten täglich 20 μg (800 IE) Vitamin D supplementieren.
Grundlagen der Empfehlungen
In einem fachübergreifenden wissenschaftlichen Diskurs, initiiert vom Bundesamt für Strahlenschutz, wurden bis dato widersprüchliche Aussagen bezüglich einer unbedenklichen UV-Exposition zur körpereigenen Bildung von Vitamin D harmonisiert. Die erarbeitete konsentierte Empfehlung [270] liegt der oben genannten Empfehlung zur Vitamin-D-Eigensynthese zugrunde. Sie wurde auch in die S3-Leitlinie zur „Prävention von Hautkrebs“ übernommen. Darin wird zusätzlich betont, dass ein Sonnenbrand als Folge einer zu hohen UV-Exposition in jedem Fall zu vermeiden ist, da dies die hauptsächliche Ursache für die Entstehung von Hautkrebs ist [271]. Die DGE empfiehlt bei einer fehlenden Vitamin-D-Eigensynthese zur Bedarfsdeckung eine Vitamin-D-Supplementierung von 20 µg täglich (800 IE) [82].
Hintergrundinformationen
Vitamin D nimmt unter den Vitaminen eine Sonderstellung ein, weil die Versorgung des Menschen hauptsächlich über die körpereigene Bildung durch Sonnenlichtbestrahlung (UVB-Strahlung) der Haut erfolgt und nur etwa 10 bis 20 % des Vitamin-D-Bedarfs über die Nahrung gedeckt werden [82, 272]. Da nur wenige Lebensmittel natürlicherweise Vitamin D enthalten (hier vor allem fettreiche Fische, Eigelb und manche, vor allem UV-bestrahlte, Speisepilze), ist die Zufuhr über herkömmliche Lebensmittel gering. Es gibt zwar Lebensmittel, die mit Vitamin D angereichert sind (wie Margarine und Speiseöle), die Vitamin-D-Zufuhr über die Ernährung ist aber im Allgemeinen nicht ausreichend, um den Vitamin-D-Bedarf zu decken [82].
Nach derzeitigem Kenntnisstand wird davon ausgegangen, dass eine ausreichende Vitamin-D-Eigensynthese durch genügende Sonnenlichtbestrahlung (UVB-Strahlung) möglich ist [82, 270]. Die Bildung von Vitamin D in der Haut ist aber abhängig von Breitengrad, Jahres- und Tageszeit, Sonnenscheindauer, Kleidung, Aufenthaltsdauer im Freien sowie der Hautdicke, ebenso werden die Pigmentierung der Haut und die Verwendung von Sonnenschutzmitteln als Einflussfaktoren diskutiert [82].
Die Ermittlung der individuellen Sonnenbestrahlungszeit für eine ausreichende Vitamin-D-Eigensynthese ist vor allem vom UV-Index und Hauttyp abhängig. Der UV-Index beschreibt den am Boden erwarteten Tagesspitzenwert der sonnenbrandwirksamen UV-Strahlung. Je höher der UV-Index ist, desto höher ist die UV-Bestrahlungsstärke und desto schneller kann bei ungeschützter Haut ein Sonnenbrand auftreten [273].
Auch wenn UV-Strahlung ein natürlicher Teil der Sonnenstrahlung ist und erforderlich für die Anregung der körpereigenen Vitamin-D-Bildung, so ist doch gleichzeitig die Einwirkung von UV-Strahlung auf die Haut die hauptsächliche Ursache für die Entstehung von Hautkrebs. Daher sind ein bewusster Umgang mit UV-Strahlung sowie die Umsetzung angemessener Schutzmaßnahmen notwendig. Dabei ist die individuelle Empfindlichkeit der Haut gegenüber UV-Strahlung zu beachten. Unterschieden werden insgesamt 6 Hauttypen, die in der S3-Leitlinie zur „Prävention von Hautkrebs“ näher erläutert werden [271].
Die wünschenswerte Serumkonzentration des 25-Hydroxyvitamin-D (kurz: 25(OH)D) liegt bei mindestens 50 nmol/l. In den Sommermonaten ist es durch die körpereigene Bildung von Vitamin D gut möglich, diesen Wert zu erreichen [82]. In den Wintermonaten reicht die Sonnenbestrahlung in Deutschland nicht aus, um genügend Vitamin D zu bilden. Der Körper speichert allerdings Vitamin D im Fett- und Muskelgewebe. Aus diesen Speichern kann Vitamin D wieder freigesetzt werden und auch im Winter zur Vitamin-D-Versorgung beitragen [274]. Die 25(OH)D-Serumkonzentration unterliegt damit natürlicherweise saisonalen Schwankungen. So nahm sie beispielsweise bei erwachsenen Teilnehmenden einer britischen Studie von ca. 70 nmol/l am Ende des Sommers (September) auf unter 40 nmol/l am Ende des Winters (Februar) ab [275].
In Deutschland weisen laut DEGS1-Studie (Erhebungszeitraum 2008–2011) Frauen im Alter von 25 bis unter 45 Jahren im Median eine 25(OH)D-Serumkonzentration zwischen 50,0 und 51,5 nmol/l auf [82]. Nicht repräsentative Studien haben gezeigt, dass es auch bei Schwangeren einen gewissen Anteil gibt, der nicht ausreichend mit Vitamin D versorgt ist [276, 277].
Der Vitamin-D-Status der werdenden Mutter wirkt sich auch auf die Vitamin-D-Versorgung des ungeborenen Kindes aus [278]. Es gibt Hinweise aus mehreren systematischen Reviews darauf, dass ein geringer Vitamin-D-Status (< 50 oder < 30 nmol/l) in der Schwangerschaft mit einem erhöhten Risiko für z. B. Frühgeburten, geringes Geburtsgewicht und SGA, Fehlgeburten und Schwangerschaftsdiabetes verbunden sein kann und dass eine Vitamin-D-Supplementierung (von mehr als 50 µg bzw. 2 000 IE täglich) das Geburtsgewicht erhöhen und das Risiko für Präeklampsie, Fehlgeburten und Vitamin-D-Mangel bei der Mutter sowie für fetale oder neonatale Mortalität senken kann [278–281].
Insgesamt ist aber der Nutzen einer generellen Vitamin-D-Supplementierung in der Schwangerschaft ungewiss, da die derzeit vorliegenden Studien sehr heterogen sind, auch mit Blick auf die zugrunde gelegten 25(OH)D-Spiegel [281, 282]. Auch die Datenlage zu weiteren im Zusammenhang mit Vitamin D diskutieren Endpunkten, wie neurologischen Entwicklungsstörungen beim Kind sowie Assoziationen mit kindlicher Karies [283–286], ist sehr heterogen.
Obwohl also eine adäquate Vitamin-D-Versorgung in der Schwangerschaft wichtig für eine gesunde Entwicklung des Kindes ist, ergeben sich auf Basis der vorliegenden Daten keine klaren Hinweise auf die Notwendigkeit einer routinemäßigen Supplementierung. Dieses uneinheitliche Bild zeigt sich auch, wenn die Empfehlungen internationaler Fachgesellschaften bzw. -institutionen sowie anderer Länder mit in den Blick genommen werden: So empfehlen Großbritannien, die Niederlande, Irland und skandinavische Länder Schwangeren generell, Vitamin D zu supplementieren [45, 91, 93, 196, 287]. Ebenso wird in der Clinical Practice Guideline der Endocrine Society eine generelle Vitamin-D-Supplementierung für Schwangere empfohlen, mit der Begründung, dass diese das Potenzial habe, zu einer Risikominimierung von Präeklampsie, Frühgeburt, SGA, intrauteriner Mortalität und Neugeborenenmortalität beizutragen [288]. Dagegen empfehlen die WHO und FIGO sowie Neuseeland, Kanada und Australien eine Supplementierung nur nach Bedarf [14, 289–292].
Bei fehlender oder nicht ausreichender Eigensynthese soll die Vitamin-D-Versorgung durch die Einnahme eines Supplements sichergestellt werden [82]. Dabei sollte auf Supplemente in Höhe von 20 µg Vitamin D (800 IE) pro Tag zurückgegriffen werden, da diese Dosis auch bei einer langfristigen Einnahme und unter Berücksichtigung weiterer Vitamin-D-Quellen (z. B. angereicherte Lebensmittel) nicht mit gesundheitlichen Risiken verbunden ist [274, 293]. Ein Vitamin-D-Mangel kann nur von ärztlicher Seite diagnostiziert und behandelt werden [270].
Während es über die körpereigene Vitamin-D-Synthese und natürliche Lebensmittel nicht zu einer Überversorgung kommen kann, ist dies z. B. durch übermäßig hohe Einnahmen von Supplementen möglich [274, 294]. Die tolerierbare Obergrenze für die tägliche Gesamtzufuhr (Tolerable Upper Intake Level; UL) beträgt laut EFSA 100 μg/Tag für Erwachsene, einschließlich Schwangere und Stillende [295]. Vitamin-D-Präparate mit einer Dosis ab 100 µg/Tag (4 000 IE) bergen bei langfristiger Einnahme ein Risiko für unerwünschte gesundheitliche Effekte und sollten daher nur unter ärztlicher Kontrolle eingenommen werden [274, 293].