Empfehlungen
- Frauen mit Kinderwunsch sollen wie alle Erwachsenen im Alltag regelmäßig körperlich aktiv sein, d.h.:
- mindestens 150 bis 300 Minuten pro Woche moderate1 oder mindestens 75 bis 150 Minuten intensive2 Ausdauerbelastungen
- zusätzlich an mindestens 2 Tagen pro Woche kräftigende Übungen in moderater bis intensiver Intensität für alle größeren Muskelgruppen
- Schwangere sollen im Alltag regelmäßig körperlich aktiv sein. Das gilt auch bei Übergewicht, Adipositas und/oder Schwangerschaftsdiabetes. Bei Kontraindikationen soll eine ärztliche Beratung erfolgen.
- Schwangere sollten mindestens 150 Minuten pro Woche moderat körperlich aktiv sein, verteilt auf mehrere Tage. Es sollte Ausdauer-, Kraft- und Beckenbodentraining durchgeführt werden. Sanftes Dehnen kann ergänzt werden.
- Schwangere Frauen, die vor der Schwangerschaft nicht oder nur wenig körperlich aktiv waren, sollten ihre Bewegung langsam steigern. Die Gesundheit profitiert auch bereits von kürzerer und/oder weniger anstrengender Bewegung.
- Frauen, die bereits vor der Schwangerschaft regelmäßig und in höherem Umfang sportlich aktiv waren, können diese Aktivität auch während der Schwangerschaft fortsetzen. Die sportliche Aktivität sollte im moderaten Bereich liegen.
- Sportliche Aktivitäten in der eigenen Region auszuüben sowie Sportausrüstung auf das Erforderliche zu beschränken und langlebig zu nutzen, schützen die Umwelt und das Klima. Sicherheitsausrüstung (z. B. Fahrradhelm, Protektoren) soll gemäß produktspezifischer Empfehlung stets verwendet und ausgetauscht werden.
Grundlagen der Empfehlungen
Die Empfehlungen orientieren sich an der WHO-Guideline „Physical Activity and Sedentary Behaviour“ [316], welche konkrete Empfehlungen zur körperlichen Aktivität für die Zeit vor als auch während der Schwangerschaft gibt. Die „Nationalen Empfehlungen für Bewegung und Bewegungsförderung“ [317] betonen ebenfalls den Vorteil körperlicher Aktivität für Erwachsene und Schwangere. Im Kontext eines gesundheitsförderlichen Lebensstils werden auch in anderen Ländern Empfehlungen zur körperlichen Aktivität für die Zeit vor und während der Schwangerschaft gegeben (z. B. in den USA, Großbritannien, Australien und Kanada) [14, 292, 318, 319].
Die S3-Leitlinien „Adipositas und Schwangerschaft” sowie „Gestationsdiabetes mellitus (GDM), Diagnostik, Therapie und Nachsorge“ betonen ebenso Vorteile körperlicher Aktivität für Schwangere mit Adipositas bzw. Schwangerschaftsdiabetes [44, 55].
Empfehlungen für die Ernährung thematisieren inzwischen neben den Effekten auf die individuelle Gesundheit auch die Wirkungen auf die planetare Gesundheit [100]. Innerhalb planetarer Grenzen zu bleiben, ist jedoch nicht nur Aufgabe der Ernährung, sondern betrifft auch andere Bereiche wie den Sport [320–323]. Wie bei der Ernährung gibt es bei der Gestaltung der körperlichen Aktivität Möglichkeiten, durch das eigene Verhalten zum Klima- und Umweltschutz beizutragen.
Hintergrundinformationen
Unter körperlicher Aktivität bzw. Bewegung wird die durch die Skelettmuskulatur erzeugte Bewegung von Körper und Gliedmaßen verstanden, die zu einem Anstieg des Energieverbrauchs über den Ruheenergieverbrauch hinaus führt [317]. Sie kann als Teil der Erholung und Freizeit (Spiel, Sport oder andere körperliche Betätigungen), der Fortbewegung (z. B. Gehen, Radfahren), der Bildung, Arbeit oder der Hausarbeit ausgeübt werden [316]. Regelmäßige und ausreichende körperliche Aktivität spielt eine wesentliche Rolle für die Gesundheit: Sie wirkt sich positiv auf Symptome und Verlauf von vielen Erkrankungen, die körperliche Leistungsfähigkeit und Fitness sowie die gesundheitsbezogene Lebensqualität und -erwartung aus [324–326].
Für die Zeit der Schwangerschaft belegen Studien, dass körperliche Aktivität dazu beitragen kann, schwangerschaftsbedingten Erkrankungen wie Schwangerschaftsdiabetes, Schwangerschaftshypertonie und Präeklampsie, übermäßiger Gewichtszunahme sowie Angstzuständen, prä- und postnataler Depression, Lumbalschmerzen und Harninkontinenz vorzubeugen bzw. sie zu verbessern [327, 328]. Hinweise auf erhöhte Risiken für Früh- und Fehlgeburt, geringes Geburtsgewicht und SGA sowie eine höhere Kaiserschnittrate aufgrund von körperlicher Aktivität liegen nicht vor [327–330].
Aus der verfügbaren Evidenz kann somit abgeleitet werden, dass körperliche Betätigung für die Schwangere und das ungeborene Kind sicher, d. h. nicht mit erhöhten Gesundheitsrisiken oder nachteiligen Geburtsergebnissen verbunden ist [327]. Körperliche Aktivität hat zudem bei Schwangeren mit Übergewicht oder Adipositas einen günstigen Einfluss auf die Gewichtsentwicklung und kann damit gesundheitliche Risiken wie Schwangerschaftsdiabetes und Schwangerschaftshypertonie, aber auch die Makrosomierate reduzieren [331–333].
Die Empfehlungen zur Bewegung vor und während der Schwangerschaft richten sich an gesunde Frauen mit Kinderwunsch bzw. gesunde Schwangere ohne Kontraindikationen. Liegen Kontraindikationen für körperliche Aktivitäten während der Schwangerschaft vor, sollte von ärztlicher Seite eine Beratung erfolgen [316]. Kontraindikationen können z. B. ein schlecht eingestellter Typ-1-Diabetes, Bluthochdruck oder Schilddrüsenerkrankungen, schwere Herz-Kreislauf-, Atemwegs- oder andere systemische Erkrankungen, Präeklampsie, Zervixinsuffizienz, Frühgeburtsbestrebungen, anhaltende Blutungen im 2. oder 3. Trimester, Placenta praevia, Anzeichen einer intrauterinen Wachstumsretardierung sowie eine Mehrlingsschwangerschaft (Drillinge und mehr) sein [334].
Adipositas oder Schwangerschaftsdiabetes sind nicht per se Kontraindikationen für körperliche Aktivität; betroffenen Schwangeren wird Bewegung grundsätzlich empfohlen [44, 55].
Treten Warnsignale während der körperlichen Aktivität auf, ist diese zu beenden und eine ärztliche Abklärung angebracht. Mögliche Warnsignale sind z. B. Schmerzen im Brustkorb, anhaltende übermäßige Atemnot, starke Kopfschmerzen, anhaltendes Schwindel- bzw. Ohnmachtsgefühl, regelmäßige und/oder schmerzhafte uterine Kontraktionen, vaginale Blutungen oder anhaltender Flüssigkeitsverlust aus der Vagina (Hinweis auf möglichen Blasensprung) [334]. Allen gesunden Erwachsenen und somit auch Frauen mit Kinderwunsch werden moderate bzw. intensive Ausdaueraktivitäten und Kraftsport empfohlen. Schwangeren werden moderates Ausdauertraining und muskelstärkende Aktivitäten sowie sanftes Dehnen empfohlen [316, 334]. Ebenso ist es sinnvoll, Beckenbodentraining schon während der Schwangerschaft durchzuführen, da dies das Risiko von Harninkontinenz in der späten Schwangerschaft und nach der Geburt verringert [316, 334–336].
Für Schwangere, und besonders auch für Frauen, die bisher gar nicht oder kaum körperlich aktiv waren, sind Sportarten geeignet, bei denen große Muskelgruppen beansprucht werden: z. B. Walking, Nordic Walking, Radfahren in moderatem Tempo, Schwimmen/Aquafitness, Skilanglauf, Low-Impact-Aerobic oder Schwangerschaftsyoga/-pilates. Als ungeeignet gelten Sportarten mit hohem Sturz- und Verletzungsrisiko, z. B. Mannschafts-, Kontakt- und Kampfsportarten oder Gerätetauchen. Aktivitäten in Rückenlage sollten im 2. und 3. Schwangerschaftstrimester vermieden werden [337].
Gesunde Schwangere können bis in Höhen von 1 800 bis 2 500 Metern körperlich aktiv sein, vor allem, wenn sie an diese Höhen gewöhnt sind [316, 337, 338]. Schwangere sollten darauf achten, körperliche Betätigung bei großer Hitze, insbesondere bei hoher Luftfeuchtigkeit, zu vermeiden bzw. in die Morgen- oder Abendstunden zu verlegen. Zudem ist für eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr zu sorgen [316, 337, 339].
Studien zeigen, dass mehr körperliche Aktivität (Häufigkeit, Intensität, Dauer) grundsätzlich mit einem größeren Nutzen verbunden ist. Andererseits liegen keine Hinweise für die Sicherheit oder einen zusätzlichen Nutzen von körperlicher Aktivität vor, die deutlich über dem Niveau der oben genannten Empfehlungen liegt. Hingegen gilt als wissenschaftlich belegt, dass wenig körperliche Aktivität besser ist als gar keine – auch in der Schwangerschaft. Erfüllen Frauen mit Kinderwunsch bzw. Schwangere die Empfehlungen nicht, ist jede körperliche Aktivität dennoch vorteilhaft für ihre Gesundheit [316]. Bereits bei relativ geringem Aktivitätsumfang können deutliche gesundheitliche Vorteile beobachtet werden [340].
Eine bereits vor der Schwangerschaft regelmäßig und in höherem Umfang durchgeführte sportliche Aktivität kann während der Schwangerschaft fortgeführt werden [316]. Hierbei ist ebenfalls darauf zu achten, dass die Aktivität im moderaten Bereich liegt.
Bei Leistungssport oder einer regelmäßig und deutlich über die allgemeinen Empfehlungen hinausgehenden körperlichen Aktivität ist eine individuelle ärztliche Beratung erforderlich [316].
Die vorliegenden Empfehlungen zu Bewegungsausmaß und -art sollen Fachkräften als Orientierung für die Beratung dienen. In der Realität erreichen in Deutschland viele Frauen im gebärfähigen Alter die Empfehlung der WHO zur körperlichen Bewegung nicht [83]. Darüber hinaus nimmt die körperliche Aktivität im Laufe der Schwangerschaft tendenziell ab [84–87].
Als Barrieren werden Müdigkeit, Schwangerschaftsbeschwerden, fehlende Kraft oder Energie, Erschöpfung, Zeit- und Motivationsmangel, fehlende soziale Unterstützung sowie Bedenken hinsichtlich der Sicherheit körperlicher Aktivität für die werdende Mutter und das ungeborene Kind angegeben. Als einschränkende Faktoren für körperliche Aktivität während der Schwangerschaft nennen Frauen darüber hinaus kulturelle Überzeugungen (z. B. Kleidungsvorschriften, Bräuche, Feiertage), Arbeit, Kinder und andere familiäre Verpflichtungen sowie einen unzureichenden Zugang zu Freizeiteinrichtungen und fehlende Ressourcen [341].
Fachkräfte sollten Frauen mit Kinderwunsch und Schwangere darüber informieren, dass körperliche Aktivität bei einer gesunden Schwangerschaft wünschenswert und sicher für Mutter und Kind ist und gemeinsam mit den Beratenen unter Berücksichtigung der individuellen Rahmenbedingungen nach Möglichkeiten für mehr Bewegung im Alltag suchen. Dabei ist es wichtig, körperliche Aktivität individuell zu gestalten und die üblichen Gewohnheiten und Vorlieben zu berücksichtigen [15, 341] (siehe Kapitel „Diversitätssensible Beratung“).
1 „Moderat“ körperlich aktiv zu sein, bedeutet, dass die Aktivität als etwas anstrengend empfunden wird, eine Unterhaltung aber noch möglich ist.
2 „Intensiv“ körperlich aktiv zu sein, bedeutet, dass die Aktivität als anstrengend empfunden wird und eine Unterhaltung nur noch eingeschränkt oder nicht mehr möglich ist.