Empfehlungen
- Fachkräfte sollten Frauen bzw. Paare mit Kinderwunsch sowie Schwangere zu einer gesundheitsförderlichen Lebensweise motivieren und im Dialog beraten. Dabei stehen die individuellen Bedarfe und Bedürfnisse der Beratenen im Vordergrund. In einer wertschätzenden Haltung interessieren sich Fachkräfte für deren Lebensrealität, Erfahrungen mit Ernährung, Bewegung und anderen Gesundheitsverhaltensweisen sowie für deren Einstellungen. Sie gehen auf Fragen und Bedenken ein, respektieren ihre Entscheidungsfreiheit und setzen gemeinsam mit ihnen realistische Ziele. Die Methode der Motivierenden Gesprächsführung (Motivational Interviewing) eignet sich besonders gut zur Umsetzung dieser professionellen Haltung in der Beratung.
- Der Übergang vom Kinderwunsch über die Schwangerschaft zur Elternschaft bietet vielfältige Chancen, eine gesundheitsförderliche Lebensweise zu stärken. Er ist aber auch mit physiologischen, verhaltensbezogenen und psychosozialen Entwicklungs- und Bewältigungsaufgaben verbunden. Fachkräfte sollten diese Transitionsprozesse im Rahmen einer diversitätssensiblen Beratung im Blick haben. Sie sollten bei der Bewältigung der Veränderungen unterstützen, um einen aus Sicht der Beratenen gelingenden Übergang in die nächste Lebensphase zu ermöglichen.
Grundlagen der Empfehlungen
Die Handlungsempfehlungen sind als Orientierung für die professionelle Beratung zu verstehen und keine Normvorgabe für die Beratenen. Fachkräfte sollten im Rahmen einer diversitätssensiblen Beratung die Empfehlungen sowohl kontext- und situationssensibel als auch in Kenntnis der vorhandenen Ressourcen der Frauen bzw. Paare mit Kinderwunsch oder der werdenden Eltern übertragen. Sie sollten gemeinsam mit ihnen Möglichkeiten der Bewahrung oder einer schrittweisen Verbesserung des Gesundheitsverhaltens prüfen, z. B. in Bezug auf Ernährung und Bewegung [13]. Die Bedeutung einer diversitätssensiblen, partizipativen Beratung sowie einer Frauen- bzw. Familienzentrierung wird auch in Empfehlungen anderer Länder deutlich [14–16].
Zur Umsetzung einer diversitätssensiblen Beratung hat sich die Methode der Motivierenden Gesprächsführung (Motivational Interviewing) als besonders effektiv erwiesen [17, 18], die auch im Kontext der Schwangerschaft eingesetzt werden kann [19–24].
Die Übergänge vom Kinderwunsch über die Schwangerschaft bis zur Elternschaft stellen Paare bzw. (werdende) Eltern vor spezifische Herausforderungen. Sie bergen aber auch ein Zeitfenster der Gelegenheit („window of opportunity“) und damit Chancen für eine Stärkung eines gesundheitsförderlicheren Verhaltens aller Familienmitglieder. Erkenntnisse zur Unterstützung von Transitionsprozessen aus der Entwicklungs- und Sozialpsychologie sowie der Familiensoziologie spielen auch in der Prävention und Gesundheitsförderung bei der Beratung und Begleitung von (werdenden) Familien eine wichtige Rolle [25].
Hintergrundinformationen
Der Übergang in die Phase der Familiengründung bzw. Familienwerdung bedarf einer feinfühligen Beratung und Begleitung der (werdenden) Eltern durch Fachkräfte. Dabei stehen das Erleben, die Verarbeitung und die Bewältigung dieser Übergänge bzw. Transitionen aus Sicht der (werdenden) Eltern im Vordergrund, weniger das Ereignis als solches [25].
Aus der Psychologie und den Sozialwissenschaften liegen bereits vielfältige Erkenntnisse und Konzepte zur Berücksichtigung eines solchen Transitionsansatzes vor, z. B. das Konzept des „Doing family“ [26–30]. Auch die Gesundheitswissenschaften widmen sich diesem Transitionsansatz, indem Herausforderungen und Potenziale analysiert und daraus Möglichkeiten der Prävention und Gesundheitsförderung für die ganze Familie abgeleitet werden [31]. Ein besonderer Fokus richtet sich dabei auf Bedarfe und Bedürfnisse sowie Zugangswege und Ansprachen von (werdenden) Eltern in psychosozial und materiell belasteten Lebenslagen [32–34].
Auch das Nationale Gesundheitsziel „Gesundheit rund um die Geburt“ fokussiert auf die Übergänge zwischen Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und dem ersten Lebensjahr und verdeutlicht die damit einhergehenden Präventionspotenziale [10]. In diesem Kontext haben Geene et al. ein 10-Phasen-Modell der Bewältigungsaufgaben in Familien formuliert, welches verstärkt die Perspektive der (werdenden) Eltern bei den Transitionsprozessen in den Blick nimmt [9].
Personen mit Kinderwunsch und Schwangere zeichnen sich durch eine große Vielfalt aus: Sie unterscheiden sich beispielsweise in ihren Vorstellungen von Schwangerschaft, Geburt und Elternschaft, ihren Lebensrealitäten, Familienformen und kulturellen Hintergründen, ihrem Wissen über Ernährung, Bewegung und das Gesundheitssystem, ihrer Gesundheitskompetenz, ihren sprachlichen Kompetenzen sowie sozialen Lebenslagen und finanziellen Ressourcen. Das Alter, die Parität sowie die körperlichen Voraussetzungen sind unterschiedlich. Eine Schwangerschaft verläuft zudem nie gleich. Alle diese Faktoren beeinflussen die Erfahrungen und die Bedürfnisse der Familien. Ein umfassendes Verständnis von Diversität ist in der Beratung seitens der Fachkräfte somit unerlässlich [35]. Kennzeichnend für eine professionelle Beratungshaltung ist es, sich bewusst zu sein, dass sich die spezifischen Einstellungen, Wertvorstellungen, Überzeugungen und Erfahrungen der Frauen bzw. Paare auf die Wahrnehmung der Handlungsempfehlungen auswirken. Demnach ist es nicht zielführend, Empfehlungen monologisch-direktiv vorzutragen und auf ihre Evidenz zu verweisen. Auch Furchtappelle und andere Überzeugungsstrategien sind für die Stärkung der Veränderungsmotivation ungeeignet. Sie führen eher zu Widerstand (Reaktanz) und Ablehnung – und zwar umso mehr, je stärker das Verhalten der Betroffenen von der Sollvorgabe entfernt ist [18, 36–38].
Aussichtsreicher als das Ziel, das Ernährungs- und Bewegungsverhalten der Beratenen zu optimieren, ist bei (werdenden) Eltern – gerade in belasteten Lebenslagen – eine Stärkung der Selbstwirksamkeitserwartung, d. h. der Erwartung, dass Verhaltensänderungen auch gelingen können [39, 40]. Beratende erkennen und wertschätzen dabei das Selbstverständnis der Beratenen und ihre Entwicklungswünsche, loten gemeinsam mit ihnen Möglichkeiten für ein gutes – nicht notwendigerweise perfektes – Gelingen aus und versuchen, die entsprechenden Bemühungen der Frauen bzw. Paare zu stärken [39, 41].
Die Methode der Motivierenden Gesprächsführung (Motivational Interviewing) bietet Ansätze zur Förderung intrinsischer Veränderungsmotivation. Zentral ist, in einen Dialog einzutreten, Konfrontationen konsequent zu vermeiden und die Entscheidungsfreiheit der Beratenen zu respektieren. Diese Art der Gesprächsführung hat sich unter verschiedenen Bedingungen als Beratungsansatz bewährt. Es ist wünschenswert, die Entwicklung dieses professionellen Beratungsansatzes in der Aus- und Weiterbildung von Fachkräften weiter zu stärken [38].