Springe direkt zum Inhalt , zum Menü .

Frau in Beratung
Monkey Business/Fotolia.com

Empfehlungen

  • Fachkräfte sollten Frauen bzw. Paare mit Kinderwunsch sowie Schwangere zu einer gesundheitsförderlichen Lebensweise motivieren und im Dialog beraten. Dabei stehen die individuellen Bedarfe und Bedürfnisse der Beratenen im Vordergrund. In einer wertschätzenden Haltung interessieren sich Fachkräfte für deren Lebensrealität, Erfahrungen mit Ernährung, Bewegung und anderen Gesundheitsverhaltensweisen sowie für deren Einstellungen. Sie gehen auf Fragen und Bedenken ein, respektieren ihre Entscheidungsfreiheit und setzen gemeinsam mit ihnen realistische Ziele. Die Methode der Motivierenden Gesprächsführung (Motivational Interviewing) eignet sich besonders gut zur Umsetzung dieser professionellen Haltung in der Beratung.
  • Der Übergang vom Kinderwunsch über die Schwangerschaft zur Elternschaft bietet vielfältige Chancen, eine gesundheitsförderliche Lebensweise zu stärken. Er ist aber auch mit physiologischen, verhaltensbezogenen und psychosozialen Entwicklungs- und Bewältigungsaufgaben verbunden. Fachkräfte sollten diese Transitionsprozesse im Rahmen einer diversitätssensiblen Beratung im Blick haben. Sie sollten bei der Bewältigung der Veränderungen unterstützen, um einen aus Sicht der Beratenen gelingenden Übergang in die nächste Lebensphase zu ermöglichen.

Grundlagen der Empfehlungen

Die Handlungsempfehlungen sind als Orientierung für die professionelle Beratung zu verstehen und keine Normvorgabe für die Beratenen. Fachkräfte sollten im Rahmen einer diversitätssensiblen Beratung die Empfehlungen sowohl kontext- und situationssensibel als auch in Kenntnis der vorhandenen Ressourcen der Frauen bzw. Paare mit Kinderwunsch oder der werdenden Eltern übertragen. Sie sollten gemeinsam mit ihnen Möglichkeiten der Bewahrung oder einer schrittweisen Verbesserung des Gesundheitsverhaltens prüfen, z. B. in Bezug auf Ernährung und Bewegung [13]. Die Bedeutung einer diversitätssensiblen, partizipativen Beratung sowie einer Frauen- bzw. Familienzentrierung wird auch in Empfehlungen anderer Länder deutlich [14–16].

Zur Umsetzung einer diversitätssensiblen Beratung hat sich die Methode der Motivierenden Gesprächsführung (Motivational Interviewing) als besonders effektiv erwiesen [17, 18], die auch im Kontext der Schwangerschaft eingesetzt werden kann [19–24].

Die Übergänge vom Kinderwunsch über die Schwangerschaft bis zur Elternschaft stellen Paare bzw. (werdende) Eltern vor spezifische Herausforderungen. Sie bergen aber auch ein Zeitfenster der Gelegenheit („window of opportunity“) und damit Chancen für eine Stärkung eines gesundheitsförderlicheren Verhaltens aller Familienmitglieder. Erkenntnisse zur Unterstützung von Transitionsprozessen aus der Entwicklungs- und Sozialpsychologie sowie der Familiensoziologie spielen auch in der Prävention und Gesundheitsförderung bei der Beratung und Begleitung von (werdenden) Familien eine wichtige Rolle [25].

Hintergrundinformationen

Der Übergang in die Phase der Familiengründung bzw. Familienwerdung bedarf einer feinfühligen Beratung und Begleitung der (werdenden) Eltern durch Fachkräfte. Dabei stehen das Erleben, die Verarbeitung und die Bewältigung dieser Übergänge bzw. Transitionen aus Sicht der (werdenden) Eltern im Vordergrund, weniger das Ereignis als solches [25].

Aus der Psychologie und den Sozialwissenschaften liegen bereits vielfältige Erkenntnisse und Konzepte zur Berücksichtigung eines solchen Transitionsansatzes vor, z. B. das Konzept des „Doing family“ [26–30]. Auch die Gesundheitswissenschaften widmen sich diesem Transitionsansatz, indem Herausforderungen und Potenziale analysiert und daraus Möglichkeiten der Prävention und Gesundheitsförderung für die ganze Familie abgeleitet werden [31]. Ein besonderer Fokus richtet sich dabei auf Bedarfe und Bedürfnisse sowie Zugangswege und Ansprachen von (werdenden) Eltern in psychosozial und materiell belasteten Lebenslagen [32–34].

Auch das Nationale Gesundheitsziel „Gesundheit rund um die Geburt“ fokussiert auf die Übergänge zwischen Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und dem ersten Lebensjahr und verdeutlicht die damit einhergehenden Präventionspotenziale [10]. In diesem Kontext haben Geene et al. ein 10-Phasen-Modell der Bewältigungsaufgaben in Familien formuliert, welches verstärkt die Perspektive der (werdenden) Eltern bei den Transitionsprozessen in den Blick nimmt [9].

Personen mit Kinderwunsch und Schwangere zeichnen sich durch eine große Vielfalt aus: Sie unterscheiden sich beispielsweise in ihren Vorstellungen von Schwangerschaft, Geburt und Elternschaft, ihren Lebensrealitäten, Familienformen und kulturellen Hintergründen, ihrem Wissen über Ernährung, Bewegung und das Gesundheitssystem, ihrer Gesundheitskompetenz, ihren sprachlichen Kompetenzen sowie sozialen Lebenslagen und finanziellen Ressourcen. Das Alter, die Parität sowie die körperlichen Voraussetzungen sind unterschiedlich. Eine Schwangerschaft verläuft zudem nie gleich. Alle diese Faktoren beeinflussen die Erfahrungen und die Bedürfnisse der Familien. Ein umfassendes Verständnis von Diversität ist in der Beratung seitens der Fachkräfte somit unerlässlich [35]. Kennzeichnend für eine professionelle Beratungshaltung ist es, sich bewusst zu sein, dass sich die spezifischen Einstellungen, Wertvorstellungen, Überzeugungen und Erfahrungen der Frauen bzw. Paare auf die Wahrnehmung der Handlungsempfehlungen auswirken. Demnach ist es nicht zielführend, Empfehlungen monologisch-direktiv vorzutragen und auf ihre Evidenz zu verweisen. Auch Furchtappelle und andere Überzeugungsstrategien sind für die Stärkung der Veränderungsmotivation ungeeignet. Sie führen eher zu Widerstand (Reaktanz) und Ablehnung – und zwar umso mehr, je stärker das Verhalten der Betroffenen von der Sollvorgabe entfernt ist [18, 36–38].

Aussichtsreicher als das Ziel, das Ernährungs- und Bewegungsverhalten der Beratenen zu optimieren, ist bei (werdenden) Eltern – gerade in belasteten Lebenslagen – eine Stärkung der Selbstwirksamkeitserwartung, d. h. der Erwartung, dass Verhaltensänderungen auch gelingen können [39, 40]. Beratende erkennen und wertschätzen dabei das Selbstverständnis der Beratenen und ihre Entwicklungswünsche, loten gemeinsam mit ihnen Möglichkeiten für ein gutes – nicht notwendigerweise perfektes – Gelingen aus und versuchen, die entsprechenden Bemühungen der Frauen bzw. Paare zu stärken [39, 41].

Die Methode der Motivierenden Gesprächsführung (Motivational Interviewing) bietet Ansätze zur Förderung intrinsischer Veränderungsmotivation. Zentral ist, in einen Dialog einzutreten, Konfrontationen konsequent zu vermeiden und die Entscheidungsfreiheit der Beratenen zu respektieren. Diese Art der Gesprächsführung hat sich unter verschiedenen Bedingungen als Beratungsansatz bewährt. Es ist wünschenswert, die Entwicklung dieses professionellen Beratungsansatzes in der Aus- und Weiterbildung von Fachkräften weiter zu stärken [38].

/

als hilfreich bewerten 0 Versenden
Titelbild Ernährung und Lebensstil vor und während der Schwangerschaft
BLE/Netzwerk Gesund ins Leben

Kostenfrei

Broschüre Ernährung, Bewegung und weitere Gesundheitsaspekte vor und während der Schwangerschaft

Die Handlungsempfehlungen fassen wichtige Botschaften zu Ernährung, Bewegung und weiteren Gesundheitsaspekten in den Phasen der Präkonzeption und der Schwangerschaft zusammen. Die Empfehlungen werden von den für Deutschland relevanten wissenschaftlichen Fachgesellschaften und Berufsverbänden unterstützt.

 herunterladen

Literatur

[9] Geene R, Thyen U, Quilling E et al. Familiäre Gesundheitsförderung. Präv Gesundheitsf 2016; 11: 222–229; DOI: 10.1007/s11553-016-0560-3

[10] Bundesministerium für Gesundheit. Nationales Gesundheitsziel Gesundheit rund um die Geburt. gesundheitsziele.de - Kooperationsverbund zur Weiterentwicklung des nationalen Gesundheitszieleprozesses. Berlin; 2017

[13] Felsenweg-Institut der Karl Kübel Stiftung. Modul 4 – Gespräche mit Familien führen. Qualifizierungsmodul für Familienhebammen und Familiengesundheits- und Kinderkrankenpflegerinnen und -pfleger. Köln: Nationales Zentrum Frühe Hilfen (NZFH) in der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA); 2016

[14] Living Evidence for Australian Pregnancy and Postnatal Care. Australian Pregnancy Care Guidelines. Melbourne; 2025

[15] National Institute for Health and Care Excellence. Maternal and child nutrition: nutrition and weight management in pregnancy, and nutrition in children up to 5 years. NICE guideline NG247. London; 2025 

[16] Public Health Agency of Canada. Family-centred maternity and newborn care: National guidelines. Chapter 3: Care during pregnancy. Ottawa; 2023

[17] Miller WR. The evolution of motivational interviewing. Behav Cogn Psychother 2023; 51: 616–632; DOI: 10.1017/S1352465822000431

[18] Miller WR, Rollnick S. Motivierende Gesprächsführung: Motivational Interviewing. 4. Aufl. Freiburg: Lambertus Verlag; 2025

[19] Jevitt CM, Ketchum K. Pairing Evidence-Based Strategies With Motivational Interviewing to Support Optimal Nutrition and Weight Gain in Pregnancy. J Perinat Neonatal Nurs 2024; 38: 25–36; DOI: 10.1097/JPN.0000000000000792

[20] Basheer NA, Jodalli P, Gowdar IM et al. Effectiveness of Motivational Interviewing and cross platform messaging application in improving oral health knowledge, attitude and behaviours among pregnant women- A Randomized Controlled Trial. F1000Res 2024; 13: 871; DOI: 10.12688/f1000research.153000.1

[21] Cataldi JR, Fisher ME, Brewer SE et al. Motivational interviewing for maternal Immunizations: Intervention development. Vaccine 2022; 40: 7604–7612; DOI: 10.1016/j.vaccine.2022.10.091

[22] Gregory EF, Maddox AI, Levine LD et al. Motivational interviewing to promote interconception health: A scoping review of evidence from clinical trials. Patient Educ Couns 2022; 105: 3204–3212; DOI: 10.1016/j.pec.2022.07.009

[23] Shirzad M, Shakibazadeh E, Rahimi Foroushani A et al. Effect of "motivational interviewing" and "information, motivation, and behavioral skills" counseling interventions on choosing the mode of delivery in pregnant women: a study protocol for a randomized controlled trial. Trials 2020; 21: 970; DOI: 10.1186/s13063-020-04865-3

[24] Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung. Wie gelingt motivierende Beratung zum Stillen? Nachgefragt beim Netzwerk Gesund ins Leben. Im Internet: https://www.gesund-ins-leben.de/fuer-fachkreise/gesund-leben-in-der-stillzeit/nachgefragt/wie-gelingt-motivierende-beratung-zum-stillen/; Stand: 29.09.2025

[25] Fischer J, Geene R, Hrsg. Netzwerke in Frühen Hilfen und Gesundheitsförderung. Neue Perspektiven kommunaler Modernisierung. Weinheim, Basel: Beltz Juventa; 2017

[26] Reichle B, Werneck H, Hrsg. Übergang zur Elternschaft. Aktuelle Studien zur Bewältigung eines unterschätzten Lebensereignisses. Bd. 16. Der Mensch als soziales und personales Wesen. Stuttgart: Enke; 1999

[27] Jurczyk K, Lange A, Thiessen B, Hrsg. Doing Family. Warum Familienleben heute nicht mehr selbstverständlich ist. Weinheim, Basel: Beltz Juventa; 2014

[28] Schuhmacher KL, Meleis AI. Transitions: A Central Concept in Nursing. In: Meleis AI, ed. Transitions Theory: Middle Range and Situation Specific Theories in Nursing Research and Practice. New York: Springer Publishing Company; 2010: 38–51

[29] Chick N, Meleis AI. Transitions: A Nursing Concern. In: Meleis AI, ed. Transitions Theory: Middle Range and Situation Specific Theories in Nursing Research and Practice. New York: Springer Publishing Company; 2010: 24–38

[30] Mozygemba K. Die Schwangerschaft als Statuspassage. Das Einverleiben einer sozialen Rolle im Kontext einer nutzerinnenorientierten Versorgung [Zugl.: Bremen, Univ., Diss., 2010]. Studien zur Gesundheits- und Pflegewissenschaft. Bern: Huber; 2011

[31] Bergmann RL, Kamtsiuris P, Bergmann KE et al. Kompetente Elternschaft: Erwartungen von jungen Eltern an die Beratung in der Schwangerschaft und an die Entbindung. Z Geburtshilfe Neonatol 2000; 204: 60–67; DOI: 10.1055/s-2000-10198

[32] Nationales Zentrum Frühe Hilfen. Rund um Schwangerschaft und Geburt – Gute Versorgung für ALLE. Eckpunktepapier. Köln; 2021

[33] Fransen MP, Hopman ME, Murugesu L et al. Preconception counselling for low health literate women: an exploration of determinants in the Netherlands. Reprod Health 2018; 15: 192; DOI: 10.1186/s12978-018-0617-1

[34] Meyer OM, Ehrenthal JC, Erbe D. Informations- und Beratungsbedarf bei Elternschaftsentscheidungen: Genügen bestehende Angebote und welche Rolle spielen Depressionen? Psychother Psychosom Med Psychol 2024; 74: 431–437; DOI: 10.1055/a-2340-1423

[35] Gardenswartz L, Rowe A. Managing Diversity: A Complete Desk Referenz and Planing Guide. New York: McGraw-Hill Publishing Co.; 1993

[36] Rossmann C, Hastall MR, Hrsg. Handbuch der Gesundheitskommunikation. Kommunikationswissenschaftliche Perspektiven. Wiesbaden, Heidelberg: Springer VS; 2019

[37] Schmacke N, Richter P, Stamer M, Hrsg. Der schwierige Weg zur Partizipation. Kommunikation in der ärztlichen Praxis. Bern: Hogrefe; 2016

[38] Somm I, Hajart M, Mallat A. Vermittlung medizinischer Handlungsempfehlungen. Empirische Hinweise auf eine unterschätzte Herausforderung. Präv Gesundheitsf 2023; 18: 234–241; DOI: 10.1007/s11553-022-00939-z

[39] Geene R, Haldenwang U von, Bär G et al. Nutzerorientierte familiäre Gesundheitsförderung – Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitforschung zum Netzwerk Gesunde Kinder. Präv Gesundheitsf 2021; 16: 95–103; DOI: 10.1007/s11553-020-00807-8

[40] Felsenweg-Institut der Karl Kübel Stiftung. Modul 8 – Lebenswelt Familie verstehen. Qualifizierungsmodul für Familienhebammen und Familiengesundheits- und Kinderkrankenpflegerinnen und -Pfleger. Köln; 2016

[41] Hilbig A, Stahl L, Avci Ö et al. Verständnis der bestehenden Ernährungsempfehlungen für Säuglinge bei Müttern deutscher und türkischer Herkunft. Präv Gesundheitsf 2014; 9: 99–103; DOI: 10.1007/s11553-014-0430-9