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Viele Schwangere sind unsicher, ob sie ihr Kind nach der Geburt stillen wollen. Wissensvermittlung und Ratschläge allein helfen oft nicht weiter und können sogar Widerstand gegen das Stillen erzeugen, insbesondere bei Frauen in belasteten Lebenslagen. Zielführender ist eine ergebnisoffene Beratung, die Eigenmotivation hervorlockt und eine selbstbestimmte Entscheidung zur Säuglingsernährung ermöglicht.

Hebamme im Beratungsgespräch mit einer Schwangeren.
iStock.com/Fly View Productions

Motivierend zum Stillen zu beraten bedeutet, die Frau partnerschaftlich hin zu selbstbestimmten Entscheidungen über die Ernährung ihres Säuglings zu begleiten. Ein wissenschaftlich erprobtes und bewährtes Konzept dafür ist „Motivational Interviewing“, übersetzt Motivierende Gesprächsführung. Diese Gesprächstechnik erkundet Ambivalenzen und weckt intrinsische Motivation, aus der heraus Frauen für sie stimmige Entscheidungen rund um das Stillen treffen können. Die eingesetzten Methoden wie aktives Zuhören und das Stellen offener Fragen ermöglichen auch eine strukturierte Beratung in knapp zehn Minuten. Die Verantwortung für die Entscheidung wird ganz bewusst in die Hände der Gesprächspartnerin gelegt. Das kann bei dieser die wahrgenommene Selbstwirksamkeit stärken sowie Widerstände abbauen und gleichzeitig die Beratenden entlasten.

Motivierende Gesprächsführung: Gesprächsansatz für "heikle" Themen

Das Konzept der motivierenden Gesprächsführung wurde in den 1980er Jahren von den Psychotherapeuten William R. Miller und Stephen Rollnick für die Suchtarbeit entwickelt [1] und erfolgreich eingesetzt [2-4]. Es basiert auf einem klientenzentrierten Ansatz, d. h. der Annahme, dass die zu beratende Person selbst die größte Expertise für ihre Möglichkeiten der Verhaltensänderung hat. Die Forschung zu motivierender Gesprächsführung umfasst zahlreiche randomisierte, kontrollierte Studien und Metaanalysen [1, 5]. Es ist als Gesprächsführungskonzept für „heikle“ Themen geeignet, die für die beratene Person schwierig oder emotional sein können. Eingesetzt wird es in Beratungssituationen, die zu einer nachhaltigen Verhaltensänderung führen sollen, z. B. in der medizinischen Beratung [6] oder in physio- und ergotherapeutischem Kontext [7], aber auch in der Schwangeren- und Stillberatung. Erste Studien beobachten einen positiven Effekt auf das Stillen nach dem Einsatz dieses Konzepts [8-10], auch bereits in 10-minütigen Kurzinterventionen (siehe Tabelle 3).

Gezielt intrinsische Motivation wecken

Das Beratungskonzept basiert auf einer partnerschaftlichen, akzeptierenden und empathischen Grundhaltung gegenüber der Gesprächspartnerin. Mit motivierender Gesprächsführung kann bei der beratenen Person die innere Bereitschaft für eine Verhaltensänderung aktiviert werden. Dies geschieht vor allem durch die Steigerung der wahrgenommenen Selbstwirksamkeit [11], was besonders auch für Frauen in belasteten Lebenslagen relevant ist [12]. Mit dem Stellen offener Fragen und mit aktivem Zuhören (Tabelle 1) treten zunächst mögliche Ambivalenzen der Frau zutage (Tabelle 2) und sie setzt sich aktiv mit dem Für und Wider auseinander. Indem bewusst vermieden wird, Ratschläge zu geben, kann eine mögliche Abwehrhaltung reduziert oder ganz aufgelöst werden. Wenn die Frau ihre Entscheidung für das Stillen getroffen hat, ist es hilfreich, ihre Eigenmotivation und Zuversicht zu stärken und damit ihre Stillabsicht zu festigen.

Tabelle 1: Methodische Kompetenzen: "offene Fragen stellen" und "aktiv zuhören"
Methode Beispiele

Offene Fragen stellen

Fragen stellen, die nicht mit Ja oder Nein zu beantworten sind

  • Wie wollen Sie Ihr Kind ernähren?
  • Was fällt Ihnen ein, wenn Sie an das Stillen denken?

Aktiv zuhören

(fast) wörtlich wiedergeben, wie man das Gehörte verstanden hat

  • Sie haben gehört, dass Stillen gesund ist. Für Sie ist Stillen aber nix. Damit fühlen Sie sich zu sehr gebunden.
  • Ihnen ist Ihre eigene Freiheit sehr wichtig. Deshalb sorgen Sie sich, dass Ihr Kind Sie zu sehr in Beschlag nehmen könnte.
 
Tabelle 2: Typische Ambivalenzen beim Thema Stillen
Das hat sie gesagt … Das könnte sie gedacht haben …
Flaschennahrung finde ich einfacher. Über Stillen denke ich manchmal aber auch noch nach …
Meine Mutter hatte auch nicht genug Milch für mich. Ich hätte gern genug Milch für mein Kind …
Ich muss so schnell wie möglich wieder
arbeiten.
Bis dahin wäre Stillen vielleicht eine gute
Möglichkeit …
Stillen braucht so viel Zeit, das schaffe ich
einfach nicht.
Ich würde gerne stillen und wünsche mir
Unterstützung …
 

Entscheidungsprozesse fördern in kurzen Zeitfenstern

Gerade bei zeitlich begrenzten Ressourcen von Beratenden bietet sich eine strukturierte Beratung in Form einer „Kurzintervention“ als Impulsgeber für Entscheidungsprozesse und Bereitschaft zu Verhaltensänderungen an. Diese kann beispielhaft so ablaufen wie in Tabelle 3 beschrieben. 

Tabelle 3: Strukturierte Beratung zum Stillen: Die "Kurzintervention"
  Prozess Fallbeispiel
1 Problembewusstsein erzeugen Ihr Entbindungstermin ist in drei Monaten. Gern würde ich mit Ihnen über das Stillen sprechen.
2 Eigenverantwortung betonen Es ist voll und ganz Ihre Entscheidung, was Sie tun.
3 Ambivalenzen bewusst machen, änderungsbezogene Aussagen
entlocken
Einerseits gehen Ihnen viele Gedanken durch den Sinn, die
für das Stillen sprechen. Andererseits haben Sie die Sorge,
dass es nicht klappen könnte.
4 Eigenmotivation unterstützen, Zuversicht stärken Damit haben Sie für sich einen sehr mutigen Entschluss gefasst, mit dem Sie Ihren eigenen Weg gehen wollen.
5 Zielvereinbarung treffen Wenn Sie möchten, gebe ich Ihnen eine Liste mit ehrenamtlichen Stillberaterinnen, damit Sie eine anrufen können.
 

Der Einsatz einer solchen Kurzintervention direkt nach der Geburt durch das Personal einer Geburtsklinik in Spanien konnte die Selbstwirksamkeit stillender Mütter stärken und die Stillbereitschaft deutlich erhöhen [10]. Erste Ergebnisse der GeMuKi-Studie zur Implementierung von Lebensstilberatung in die Schwangerenvorsorge in Baden-Württemberg zeigen, dass eine 10-minütige motivierende Beratung durch eine geschulte Fachkraft (Ärzt*in, Hebamme, Medizinische*r Fachangestellte*r) sich positiv auf die Gewichtsentwicklung in der Schwangerschaft auswirkte [13]. Aufgrund dieser Befunde ist davon auszugehen, dass derartige Kurzinterventionen zum Stillen geeignet und sinnvoll sind.

Kompetenzen zur motivierenden Gesprächsführung entlasten Fachkräfte von dem Druck, Frauen vom Stillen „überzeugen zu müssen“, weil die Gesprächspartnerin bewusst zur eigenen Entscheidung motiviert wird. Die Kompetenzen können in unterschiedlichen Beratungssituationen von zahlreichen Berufsgruppen eingesetzt werden. Das Konzept begegnet auch einer Herausforderung im Gesundheitswesen: dem steigenden Beratungsbedarf für wichtige Weichenstellungen in der Prävention wie dem Stillen bei gleichzeitiger Zeitknappheit der Fachkräfte gerecht zu werden. 

 

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Beratung

Vor Ort, telefonisch oder online Angebote zur Unterstützung beim Stillen

www.elternsein.info
Über das Portal des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen (NZFH) in der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung können Eltern Familienhebammen und andere niedrigschwellige Angebote vor Ort finden, u. a. auch Schreiambulanzen.

www.wellcome-online.de
Das Portal des Sozialunternehmens wellcome gGmbH bietet praktische Hilfe nach der Geburt vor Ort. Auf der wellcome-eigenen Plattform www.elternleben.de kann man kostenlos qualifizierte Online-Beratung in Anspruch nehmen.

www.ammely.de
Einfache Online-Suche nach einer verfügbaren Hebamme vor Ort. Frauen können beispielsweise ihren Wohnort und die gesuchte Leistung „Still- und Ernährungsberatung“ angeben. Auch einmalige Online-Beratung für akute Fälle ist möglich. Das Angebot ist für gesetzlich Versicherte kostenlos. Plattform des Deutschen Hebammenverbands. e. V.

www.afs-stillen.de
Über die Suchfunktion auf der Homepage der Arbeitsgemeinschaft Freier Stillgruppen Bundesverband e.V. (AFS) kann nach ehrenamtlicher Stillberatung und Stillgruppen vor Ort gesucht werden. Die AFS bietet unter 0228 / 92 95 9999 auch eine Telefon-Hotline durch Stillberaterinnen an.

www.bdl-stillen.de
Beim Berufsverband Deutscher Laktationsberaterinnen IBCLC e. V. können (werdende) Eltern unter dem Stichwort „Stillberatungssuche“ nach wissenschaftlich fortgebildeten und zertifizierten Still- und Laktationsberaterinnen IBCLC in der Nähe suchen.

www.lalecheliga.de
Auf der Homepage von La Leche Liga Deutschland e. V. kann man sich Stillgruppen und ehrenamtliche Stillberatung vor Ort anzeigen lassen, die man auch telefonisch kontaktieren kann. Auch eine E-Mail-Beratung ist möglich.

www.stillen.de
Mithilfe der PLZ-Suche gelangt man zu Stillspezialist*innen® und Laktationsberater*innen IBCLC in der Nähe, die eine wissenschaftlich fundierte 220-stündige Fortbildung absolviert haben.

Literatur

[1] Miller WR, Rollnik S. Motivierende Gesprächsführung. Freiburg: Lambertus, 2015

[2] Körkel J. 30 Jahre Motivational Interviewing: Eine Übersicht und Standortbestimmung. Suchttherapie 2012;13:108–118 

[3] Lindson-Hawley N, Thompson TP, Begh R. Motivational interviewing for smoking cessation. Cochrane Database Syst Rev. 2015 Mar 2;(3):CD006936. doi: 10.1002/14651858.CD006936.pub3

[4] Smedslund G, Berg RC, Hammerstrøm KT, Steiro A, Leiknes KA, Dahl HM, Karlsen K. Motivational interviewing for substance abuse. Cochrane Database Syst Rev. 2011 May 11;2011(5):CD008063. doi: 10.1002/14651858.CD008063.pub2

[5] Frost H, Campbell P, Maxwell M, O'Carroll RE, Dombrowski SU, Williams B, Cheyne H, Coles E, Pollock A. Effectiveness of Motivational Interviewing on adult behaviour change in health and social care settings: A systematic review of reviews. PLoS One. 2018 Oct 18;13(10):e0204890. doi: 10.1371/journal.pone.0204890

[6] Bischof G, Bischof A, Rumpf HJ. Motivational Interviewing: An Evidence-Based Approach for Use in Medical Practice. Dtsch Arztebl Int. 2021 Feb 19;118(7):109-115. doi: 10.3238/arztebl.m2021.0014

[7] Fortune J, Breckon J, Norris M, Eva G, Frater T. Motivational interviewing training for physiotherapy and occupational therapy students: Effect on confidence, knowledge and skills. Patient Educ Couns. 2019 Apr;102(4):694-700. doi: 10.1016/j.pec.2018.11.014. Epub 2018 Nov 20

[8] Addicks SH, McNeil DW. Randomized Controlled Trial of Motivational Interviewing to Support Breastfeeding Among Appalachian Women. J Obstet Gynecol Neonatal Nurs. 2019 Jul;48(4):418-432. doi: 10.1016/j.jogn.2019.05.003. Epub 2019 Jun 7 

[9] Elliott-Rudder M, Pilotto L, McIntyre E, Ramanathan S. Motivational interviewing improves exclusive breastfeeding in an Australian randomised controlled trial. Acta Paediatr. 2014 Jan;103(1):e11-6. doi: 10.1111/apa.12434. Epub 2013 Nov 13

[10] Franco-Antonio C, Calderón-García JF, Santano-Mogena E, Rico-Martín S, Cordovilla-Guardia S. Effectiveness of a brief motivational intervention to increase the breastfeeding duration in the first 6 months postpartum: Randomized controlled trial. J Adv Nurs. 2020 Mar;76(3):888-902. doi: 10.1111/jan.14274. Epub 2019 Dec 18 

[11] Naroee H, Rakhshkhorshid M, Shakiba M, Navidian A. The Effect of Motivational Interviewing on Self-Efficacy and Continuation of Exclusive Breastfeeding Rates: A Quasi-Experimental Study. Breastfeed Med. 2020 Aug;15(8):522-527. doi: 10.1089/bfm.2019.0252. Epub 2020 Jun 19

[12] Reiss K, Eiser S, Lücke S, Flothkötter M. Stillförderung bei Müttern in belasteten Lebenslagen – Ergebnisse einer qualitativen Zielgruppenanalyse. Prävention und Gesundheitsforschung 2022; doi.org/10.1007/s11553-022-00977-7

[13] Ernährungs Umschau: GeMuKi-Studie: Chancen und Hürden früher Prävention. Ernährungs Umschau 5/2022:S39-S40 [14] Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (2021). Nationale Strategie zur Stillförderung. Im Internet: www.bmel.de/DE/themen/ernaehrung/gesunde-ernaehrung/schwangerschaft-und-baby/stillstrategie.html; Zugriff 20.4.2023

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