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Muttermilch und das Stillen haben positive Effekte für Mutter und Kind und verdienen besonderen Schutz. Gleichzeitig liegt die Entscheidung über die Form der Babyernährung bei der Familie. Wer (zu) stark und pauschal für das Stillen wirbt, kann Abwehr statt Motivation erzeugen. Wie spricht man über dieses wichtige und gleichzeitig sehr persönliche Thema, ohne Druck zu erzeugen?

Lächelnde Schwangere hört Hebamme zu
Courtney Hale / iStock

Einfühlsame Beratung und ein stillfreundliches soziales Umfeld erleichtern Frauen das Stillen, das belegen Studien [1-4]. Doch nicht immer erleben Schwangere und junge Mütter optimale Bedingungen dafür [1-2, 5-7]. Fachkräfte beraten Familien idealerweise so zum Thema Stillen und Babyernährung, dass sich niemand unter Druck gesetzt fühlt. Für eine wertschätzende Beratung können sich Fachkräfte an den Grundsätzen orientieren, die das Netzwerk Gesund ins Leben zum Stillen vertritt [8]. Ebenso bietet das Netzwerk sprachliche Anregungen, um über das Stillen zu sprechen, ohne Druck zu erzeugen. Das ermöglicht Eltern eine informierte Entscheidung über die Ernährung des eigenen Babys und unterstützt sie bei der Umsetzung ihrer Pläne.

Frauen wertschätzend begleiten und in ihrem Handeln stärken

Nach der Geburt beginnen fast alle Mütter in Deutschland, ihre Babys zu stillen, doch in den ersten Lebensmonaten sinkt die Zahl der gestillten Säuglinge stark [3]. Als Gründe für frühes Abstillen geben vier von fünf Frauen Stillprobleme an [3]. Das deutet darauf hin, dass sich manche Frauen nicht optimal informiert und unterstützt fühlen. Zudem berichtet etwa die Hälfte der Stillenden von gemischten oder negativen Reaktionen beim Stillen in der Öffentlichkeit [5-7, 9]. Und tatsächlich haben Umfragen ergeben, dass jede und jeder Sechste das Stillen in der Öffentlichkeit nicht akzeptabel findet [9]. Viele Frauen spüren die Ablehnung und fühlen sich stigmatisiert. Doch Mütter erfahren auch negative Reaktionen, wenn sie die Flasche geben. Bei manchen entsteht der Eindruck: Egal wie sie es machen, es ist falsch.

Ärzt*innen und ihr Praxisteam haben ebenso wie Hebammen und andere Beratende eine Schlüsselrolle dabei, Schwangere und junge Familien auf ihrem Weg wertschätzend zu begleiten, etwa bei der Wahl der Ernährungsform für ihr Baby. Sie bieten Informationen an, beraten Schwangere und Familien individuell abgestimmt auf ihre Lebenssituation und stärken sie in ihrem Handeln, wenn diese verunsichert sind. Ein neuer Leitfaden zur Kommunikation rund um das Stillen [8, Bestellung/Download siehe unten] unterstützt Fachkräfte in der Frage, wie sie Frauen frühzeitig dazu anregen, sich mit der Ernährung ihres Kindes auseinanderzusetzen, und ihnen so eine informierte Entscheidung ermöglichen. Das Netzwerk Gesund ins Leben hat ihn als Teil der Nationalen Strategie zur Stillförderung entwickelt, die 2021 vom Bundeskabinett verabschiedet wurde [10]. Im Folgenden sind einige Kernbotschaften des Leitfadens zusammengefasst.

Eine Haltung zum Stillen entwickeln

Information und Beratung zum Stillen führt leicht in ein Dilemma, denn einerseits entscheidet jede Mutter selbst, wie sie ihr Kind ernähren möchte. Niemand soll sich bevormundet fühlen. Andererseits ist Muttermilch die natürliche Ernährungsform von Säuglingen und hat gegenüber Muttermilchersatzprodukten positive gesundheitliche und psychologische Effekte für Mutter und Kind [11-14], die nicht allen Menschen ausreichend bewusst sind [9]. Hilfreich für eine wertschätzende Beratung und auch für die Stillförderung ist dabei eine klare Haltung zum Stillen, etwa orientiert an den Grundsätzen, die das Netzwerk Gesund ins Leben vertritt [8].

  • Muttermilch und das Stillen haben positive Effekte für Mutter und Kind und verdienen besonderen Schutz.
  • (Werdende) Mütter entscheiden selbst, ob sie stillen.
  • (Werdende) Mütter haben das Recht auf eine informierte Entscheidung, wie sie ihren Säugling ernähren möchten.
  • Multiplikator*innen beraten individuell abgestimmt auf die Lebenssituation der Frauen.
  • Stillen ist so lange gut, wie Mutter und Kind es möchten.
  • Es ist normal, dass hungrige Säuglinge auch in der Öffentlichkeit gefüttert werden.

Über Stillen sprechen, ohne Druck zu erzeugen

Dieser Begriff drückt aus, dass bestehende Vorurteile oder wahrgenommene Ablehnung nicht weiterverbreitet, sondern möglichst reduziert werden. Konkret für die Kommunikation zum Stillen bedeutet es, dass sich (werdende) Mütter etwa in der Wahl der Ernährungsform für ihren Säugling nicht unter Druck gesetzt fühlen oder dass sie darin gestärkt werden, selbstverständlich in der Öffentlichkeit zu füttern (theoretische Vertiefung siehe [8]). Abgeleitet für die Praxis bietet das Netzwerk Gesund ins Leben in dem Leitfaden sprachliche Anregungen für eine stigmasensible Kommunikation:

Praxisbeispiele für eine stigmasensible Kommunikation

Akzeptierend beraten

Akzeptierend beraten, orientiert an der Lebensrealität der Frauen und ihres sozialen Umfelds; im Gespräch erfragen, was sie brauchen und wissen möchten.

Lieber nicht ... „Sie werden doch sicher stillen?“ 

Besser so ... „Wie möchten Sie Ihr Kind ernähren?“

Evidenzbasierte Fakten benennen

Evidenzbasierte Fakten zu den positiven Effekten des Stillens benennen und dadurch zur sachlichen Aufklärung beitragen.

Lieber nicht ... „Stillen ist die einfachste, praktischste und beste Art, Ihr Baby zu ernähren.“

Besser so ... „Gestillte Kinder bekommen seltener Mittelohrentzündung / Durchfall / Übergewicht.“ „Frauen, die gestillt haben, erkranken seltener an Brustkrebs / Herz-Kreislauf-Erkrankungen / Diabetes.“

Alltagsnahe Vorschläge machen

Alltagsnahe Vorschläge machen und die klare Botschaft senden, dass das Leben mit Kind nicht perfekt sein muss.

Lieber nicht ... „Babys brauchen Ruhe, um gut zu trinken!“

Besser so ... „Manche Mütter ziehen sich zum Stillen lieber zurück. Andere nehmen beim Stillen gern weiter am Leben teil. Beides ist gut.“

Mit dem Stillen positive Emotionen verbinden

Mit dem Stillen positive Emotionen verbinden. Das Fläschchengeben nicht negativ darstellen, um umgekehrte Stigmatisierung zu vermeiden.

Lieber nicht ... „Wenn Sie nur richtig anlegen, tut es auch nicht weh.“

Besser so ... „Lassen Sie sich zeigen, wie man gut anlegt, damit das Baby richtig saugen kann. Das schont die Brustwarzen.“

Vielfältige Lebensentwürfe wahrnehmen

In der Beratung die vielfältigen Lebensentwürfe von Schwangeren und Müttern wahrnehmen und sie ermutigen, Hilfe durch Partner*in / Freundeskreis / Familie anzunehmen, um ein Kind großzuziehen.

Lieber nicht ... „Ihr Partner kann Sie in der Stillzeit unterstützen.“

Besser so ... „Einkaufen, putzen, Wäsche waschen kann auch jemand anders übernehmen. Zum Beispiel Partner*in, Familie oder Ihr Freundeskreis.“

Stillen ist überall normal

Deutlich machen, dass Stillen überall normal ist, denn einen Säugling zu ernähren gehört zum Leben dazu – auch in der Öffentlichkeit.

Lieber nicht ... „Stillen in der Öffentlichkeit? Daran scheiden sich die Geister.“

Besser so ... „Babys können bei Hunger nicht lange warten. Sie können Ihr Baby überall füttern.“

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Literatur

[1] Rasenack R, Schneider C, Jahnz E, et al. Factors Associated with the Duration of Breastfeeding in the Freiburg Birth Collective, Germany (FreiStill). Geburtshilfe und Frauenheilkunde 2012; 72:64–69. https://doi.org/10.1055/s-0031-1280470

[2] Jöllenbeck M. Identifikation wirksamer Interventionsmaßnahmen zur Stillförderung Eine differenzierende Betrachtung unter Berücksichtigung des sozioökonomischen Status. 2012. Im Internet: https://www.researchgate.net/publication/279401164_Identifikation_wirksamer_Inter-ventionsmassnahmen_zur_Stillforderung_Eine_differenzierende_Betrachtung_un-ter_Berucksichtigung_des_soziookonomischen_Status; Zugriff 2.2.2022

[3] Brettschneider AK, von der Lippe E, Lange C. Stillverhalten in Deutschland – Neues aus KiGGS Welle 2. Bundesgesundheitsblatt 2018; 61(8): 920–925. https://doi.org/10.1007/s00103-018-2770-7

[4] Kersting M, Hockamp N, Burak C, et al. Studie zur Erhebung von Daten zum Stillen und zur Säuglingsernährung in Deutschland – SuSe II. In Deutsche Gesellschaft für Ernährung (Hrsg) 14. DGE-Ernährungsbericht Vorveröffentlichung Kapitel 3, V 1 – V 34, 2020. Im Internet: http://www.dge.de/14-dge-eb/vvoe/kap3; Zugriff 2.2.2022

[5] Koch S, Abraham K, Sievers E, et al. Ist Stillen in der Öffentlichkeit gesellschaftlich akzeptiert? Erfahrungen und Einstellungen der Bevölkerung und stillender Mütter. Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz 2018; 61:990–1000

[6] Schröckert S. Mom-Shaming: Wenn Mütter Mütter mobben. Im Internet: https://www.leben-und-erziehen.de/familie/familienleben/mom-shaming.html; Zugriff 2.2.2022

[7] Imlau N, Hastall MR. Stillfreundliche Gesellschaft? Zwischen Euphorie und Ablehnung. Vortrag auf der BBF-Fachkonferenz 2019. Im Internet: www.gesund-ins-leben.de/inhalt/neuer-skandal-stillen-ist-normal-31449.html; Zugriff 2.2.2022

[8] Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) (Hrsg.) Leitfaden zur Kommunikation rund um das Stillen. Bonn: Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE), 2021

[9] Lücke S, Koch S, Böl G-F, Flothkötter M. Die gesellschaftliche Akzeptanz von öffentlichem Stillen im zeitlichen Vergleich: Erfahrungen und Einstellungen der Bevölkerung und stillender Mütter 2016 und 2020. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz 2022 (eingereicht)

[10] Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Bundeskabinett beschließt Nationale Stillstrategie. Pressemitteilung Nr. 115/2021 vom 7. Juli 2021. Im Internet: https://www.bmel.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2021/115-stillstrategie; Zugriff 2.2.2022

[11] Rouw E, von Gartzen A, Weißenborn A. Bedeutung des Stillen für das Kind. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz 2018; 61(8): 945–951

[12] Abou-Dakn M. Gesundheitliche Auswirkungen des Stillens auf die Mutter. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz 2018; 61(8): 986–989

[13] Victora CG, Bahl R, Barros AJ, França GV, Horton S, Krasevec J, Murch S, Sankar MJ, Walker N, Rollins NC. Lancet Breastfeeding Series Group. Breastfeeding in the 21st century: epidemiology, mechanisms, and lifelong effect. Lancet 2016; 387(10017): 475–490

[14] Rollins NC, Bhandari N, Hajeebhoy N, Horton S, Lutter CK, Martines JC, Piwoz EG, Richter LM, Victora CG. Lancet Breastfeeding Series Group. Why invest, and what it will take to improve breastfeeding practices? Lancet 2016; 387(10017): 491–504

[15] Röhm A, Hastall MR, Ritterfeld U. Stigmatisierende und destigmatisierende Prozesse in der Gesundheitskommunikation. In Rossmann C, Hastall MR (Hrsg.) Handbuch der Gesundheitskommunikation. Kommunikationswissenschaftliche Perspektiven. Wiesbaden: Springer, 2019: 615–625 https://doi:10.1007/978-3-658-10727-7_49

 

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