Empfehlungen
- Die Ernährung vor und in der Schwangerschaft soll pflanzenbetont, ausgewogen und abwechslungsreich sein. Sie sollte sich an den Ernährungsempfehlungen für gesunde Erwachsene orientieren. Für die praktische Umsetzung bedeutet dies:
- Reichlich sollten verzehrt werden: pflanzliche Lebensmittel wie Gemüse, Obst, Vollkornprodukte und Kartoffeln, Hülsenfrüchte und täglich eine kleine Handvoll Nüsse.
- Mäßig, regelmäßig und bewusst sollten verzehrt werden: tierische Lebensmittel wie Milch und Milchprodukte, fettarmes Fleisch und fettarme Wurstwaren, fettreiche Meeresfische und Eier.
- Sparsam und mit Bedacht sollten verzehrt werden: süße und salzige Snackprodukte, ebenso Fette mit hohem Anteil gesättigter Fettsäuren (vor allem tierische Fette) und Öle. Pflanzenöle mit einem hohen Anteil (mehrfach) ungesättigter Fettsäuren (z. B. Rapsöl) sollten als Fettquellen bevorzugt werden.
- Reichlich sollten Wasser und ungesüßte Getränke getrunken werden. Dagegen sollten gesüßte und zuckerhaltige Getränke, wenn überhaupt, nur selten und/oder in geringen Mengen getrunken werden. Alkoholhaltige Getränke sollen in der Schwangerschaft nicht konsumiert werden, koffeinhaltige Getränke nur in moderaten Mengen (siehe Kapitel zu „Koffein“ und „Alkohol“). Zudem sollten Schwangere auf chininhaltige Getränke (z. B. Bitter Lemon oder Tonic Water) verzichten.
- Eine pflanzenbetonte Ernährungsweise, bei der saisonale und regionale Lebensmittel bevorzugt werden, kann zu einer Verbesserung der Umwelt- und Klimafreundlichkeit der Ernährung beitragen.
- Bei Auswahl, Einkauf, Lagerung und Zubereitung von Lebensmitteln sollen die Hinweise zum Schutz vor Infektionen durch Lebensmittel in der Schwangerschaft beachtet werden (siehe Kapitel zu „Schutz vor Infektionen durch Lebensmittel in der Schwangerschaft“).
Grundlagen der Empfehlungen
Es gibt keine belastbare Evidenz für eine spezifische Ernährungsweise, die für die Zeit vor oder während der Schwangerschaft zu bevorzugen ist. Empfehlungen von Fachgesellschaften und -institutionen anderer Länder zu einer gesundheitsförderlichen Ernährung vor und in der Schwangerschaft orientieren sich zu großen Teilen an den allgemeinen Ernährungsempfehlungen für gesunde Erwachsene, so z. B. in den USA [94], Australien [14], Großbritannien [15], den Niederlanden [45] oder Finnland [93].
In Deutschland werden von der DGE lebensmittelbezogene Ernährungsempfehlungen für Erwachsene, sog. Food-Based Dietary Guidelines, herausgegeben [100]. Diese Empfehlungen berücksichtigen nicht nur eine adäquate Nährstoffversorgung und Reduktion von Risiken für ernährungsmitbedingte Erkrankungen, sondern seit der Überarbeitung im Jahr 2024 auch Umweltaspekte. Da pflanzliche Lebensmittel für den Schutz der Gesundheit und der Umwelt besonders wichtig sind, werden sie in den Empfehlungen für die allgemeine erwachsene Bevölkerung stärker betont – in einem Gesamtverhältnis von drei Viertel pflanzlich zu einem Viertel tierisch [101]. Mit dem Fokus auf Umwelt und Gesundheit greifen die DGE-Empfehlungen wichtige Zieldimensionen einer nachhaltigeren Ernährung auf [102], wobei bei einer umwelt- und klimafreundlichen Ernährung auch Saisonalität und Regionalität eine Rolle spielen [103]. Dabei ist eine pflanzenbetonte Ernährung nicht gleichzusetzen mit einer veganen oder vegetarischen Ernährung [104].
Die Ernährungsempfehlungen der DGE dienen als Orientierung zur Lebensmittelauswahl für die gesunde Allgemeinbevölkerung – somit auch für Schwangere – und bilden damit die Grundlage für die hier genannten Empfehlungen [105]. Die empfohlenen Verzehrsmengen (reichlich – mäßig, regelmäßig und bewusst – sparsam und mit Bedacht) entsprechen der Ernährungspyramide des Bundeszentrums für Ernährung (BZfE) [106].
Hintergrundinformationen
Aktuelle systematische Reviews und Meta-Analysen deuten auf positive Effekte einer insgesamt gesundheitsförderlichen Ernährung in der Schwangerschaft hin, die sich in der Regel durch einen hohen Anteil an pflanzlichen Lebensmitteln (wie Gemüse, Obst, Vollkornprodukte, Nüsse, Samen und Hülsenfrüchte) sowie einen geringen Anteil an tierischen Lebensmitteln (wie Milch und Milchprodukte, Fisch und Meeresfrüchte) auszeichnet. Eine solche Ernährungsweise war in Studien mit einem selteneren Auftreten von übermäßiger Gewichtszunahme während der Schwangerschaft und geringeren Raten von Schwangerschaftshypertonie, Präeklampsie, mütterlicher Depression sowie Frühgeburten assoziiert [107–113]. Studien mit explizitem Fokus auf mediterrane Ernährung weisen auf selteneres Auftreten von Schwangerschaftsdiabetes, geringem Geburtsgewicht, Small for Gestational Age (SGA) sowie Frühgeburten hin [114–118]. Auch mittel- und langfristig werden positive Effekte einer gesundheitsförderlichen Ernährung auf die Gesundheit und das Wohlbefinden von Mutter und Kind beobachtet [1, 2].
Bezüglich der Auswirkungen des Konsums tierischer Lebensmittel in der Schwangerschaft ist die Datenlage heterogen: So gibt es Hinweise darauf, dass der reichliche Verzehr von (insbesondere rotem und verarbeitetem) Fleisch sowie insgesamt westliche Ernährungsgewohnheiten während der Schwangerschaft mit häufigerem Auftreten von Schwangerschaftsdiabetes assoziiert waren [110, 119, 120]. Ein hoher Verzehr von Milch und Milchprodukten in der Schwangerschaft war in anderen Studien positiv mit LGA und negativ mit SGA assoziiert [121, 122].
Fettreiche Meeresfische wie Lachs, Hering und Makrele sind reich an langkettigen Omega-3-Fettsäuren. So liefert z. B. 100 g Hering etwa 3 000 mg Eicosapentaensäure (EPA) und DHA. Meeresfische wie Seelachs und Kabeljau oder Rotbarsch zählen dagegen zu den fettarmen Fischen mit vergleichsweise geringen DHA- und EPA-Gehalten (280 mg EPA und 840 mg DHA pro 100 g) [123]. Meeresfisch kann darüber hinaus zur Jod- und Vitamin-D-Versorgung beitragen und enthält gut verfügbares Eiweiß. Die DGE rät daher, 1 bis 2 Portionen Fisch pro Woche zu essen und dabei Fisch aus nachhaltiger Fischerei oder nachhaltig betriebenen Aquakulturen auszuwählen [101].
In der Schwangerschaft sollte darauf geachtet werden, Fisch mit vergleichsweise geringen Gehalten an Methylquecksilber zu verzehren. Fischarten mit potenziell höherem Methylquecksilbergehalt (z. B. Hai- und Schwertfisch, Heilbutt, Aal und Thunfisch) sollten Schwangere meiden [124]. Eine Liste mit Fischarten, die hohe Methylquecksilbergehalte aufweisen, ist beim Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit zu finden [125]. Es ist allerdings wichtig, auch die gesundheitlichen Vorteile des Fischverzehrs zu berücksichtigen und dessen Gehalt an Kontaminanten nicht isoliert zu betrachten [124].
Schwangeren wird empfohlen, insbesondere im 1. Trimester auf einen häufigen Verzehr von Lebensmitteln mit einem hohen Vitamin-A-Gehalt (vor allem Leber) zu verzichten [82]. Auch Vitamin-A-haltige Nahrungsergänzungsmittel sollen in der Schwangerschaft nur nach ärztlicher Rücksprache eingenommen werden [126].
Ebenso wird Schwangeren vorsorglich geraten, auf den regelmäßigen Verzehr größerer Mengen von Lakritz zu verzichten. Lakritz enthält Glycyrrhizinsäure und damit eine Substanz, die bei häufigem Verzehr größerer Mengen zu einer Veränderung des Mineralstoffwechsels mit Natriumanreicherung und Kaliumverlusten führen kann. Die Folge davon können erhöhter Blutdruck, Wassereinlagerungen im Gewebe (Ödeme) und Muskelschwäche sein [127].
Besondere Ernährungsformen während der Schwangerschaft, wie das intermittierende Fasten im Rahmen des Ramadans, sind bisher nur unzureichend erforscht. Die derzeitige Datenlage deutet darauf hin, dass es positive Assoziationen zwischen dem Ramadanfasten und kurzfristigen mütterlichen Outcomes wie einer potenziell geringeren Gewichtszunahme geben kann. Ergebnisse zu weiteren kurzfristigen Auswirkungen auf den Geburtsverlauf und die Gesundheit von Neugeborenen waren inkonsistent [128]. In einer aktuellen Übersichtsarbeit war aber das Ramadanfasten während der Schwangerschaft mit unerwünschten gesundheitlichen Effekten im Kindes- und auch späteren Erwachsenenalter assoziiert, obwohl bei der Geburt keinerlei Effekte beobachtet wurden. Die Evidenz aus den einbezogenen Studien war jedoch insgesamt gering bis moderat, sodass weitere valide Studien zu diesem Thema für eine verlässliche Schlussfolgerung notwendig sind [129].
Für die Allgemeinbevölkerung und auch während der Schwangerschaft gilt ein Richtwert für die tägliche Trinkmenge von etwa 1,5 l [101]. Bei erhöhtem Flüssigkeitsverlust oder -bedarf (zum Beispiel an heißen Tagen, nach dem Sport oder bei Infekten) sollte auch in der Schwangerschaft mehr getrunken werden.
Zuckerhaltige Getränke sind nicht empfehlenswert [101]. Ein hoher Konsum von zuckerhaltigen Getränken oder Lebensmitteln ist mit einem erhöhten Risiko für die Entstehung chronischer Erkrankungen (z. B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes, Übergewicht/Adipositas, Karies) assoziiert (z. B. [130–132]). Auswirkungen des Konsums süßstoffgesüßter Getränke (sog. Light- oder Zero-Getränke) in der Schwangerschaft auf die kurz- und langfristige Gesundheit von Mutter und Kind können aufgrund der limitierten Studienlage und inkonsistenter Studienergebnisse zurzeit nicht beurteilt werden [133]. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) empfiehlt, in der Schwangerschaft vorsorglich auf den Konsum chininhaltiger Getränke zu verzichten [134].
Schwangere sollten Kräutertees möglichst abwechselnd mit anderen Getränken – vor allem mit Wasser – konsumieren, um die Belastung mit verschiedenen potenziell gesundheitsgefährdenden Stoffen wie Pyrrolizidinalkaloiden und Estragol zu minimieren [135, 136]. Estragol ist u. a. in Fencheltee enthalten. Die gesundheitlichen Risiken von Zubereitungen aus Fenchelsamen werden gegenwärtig von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) geprüft [137]. Der Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel (Committee on Herbal Medicinal Products – HMPC) der Europäischen Arzneimittelagentur empfiehlt, dass schwangere (und stillende) Frauen estragolhaltige pflanzliche Arzneimittel nicht verwenden, wenn dadurch die Estragolaufnahme einen Richtwert von 0,05 mg/Tag überschreitet, sofern nicht eine Risikobewertung auf der Grundlage ausreichender Sicherheitsdaten etwas anderes rechtfertigt [138]. Ausführungen zum Konsum von Alkohol, Kaffee (und zu Energydrinks) finden sich in den entsprechenden Kapiteln dieser Handlungsempfehlungen.