Empfehlungen
- Eine ausgewogene vegetarische Ernährung mit Verzehr von Milch(produkten) und Eiern (ovo-lakto-vegetarisch) kann grundsätzlich auch in der Schwangerschaft den Bedarf an den meisten Nährstoffen decken. Zur Absicherung ist eine Ernährungsberatung durch qualifizierte Fachkräfte zu empfehlen. Zusätzlich zu Jod und Folsäure sollten Schwangere, die sich vegetarisch ernähren, auch DHA supplementieren.
- Bei einer rein pflanzlichen (veganen) Ernährung in der Schwangerschaft soll eine adäquate Supplementierung von Nährstoffen erfolgen, um einem Nährstoffmangel und daraus folgenden Schädigungen der kindlichen Entwicklung vorzubeugen. Daher sollen zusätzlich zu einer gut geplanten Lebensmittelauswahl neben Jod und Folsäure auch Vitamin B12 und DHA als Supplemente eingenommen werden. Darüber hinaus sollten bei Bedarf ggf. weitere Mikronährstoffe supplementiert werden. Die Versorgung mit potenziell kritischen Nährstoffen soll ärztlich überprüft werden und eine Ernährungsberatung durch qualifizierte Fachkräfte erfolgen.
Grundlagen der Empfehlungen
In den Empfehlungen von Fachgesellschaften und -institutionen anderer Länder zu einer gesundheitsförderlichen Ernährung in der Schwangerschaft finden sich auch Aussagen zu einer vegetarischen und/oder veganen Ernährung. Betont wird hierbei insbesondere die Notwendigkeit der Supplementierung von Mikronährstoffen sowie einer Ernährungsberatung durch qualifizierte Fachkräfte (z. B. USA [94], Kanada [92], Niederlande [45]).
Die DGE spricht in ihrer 2024 aktualisierten Position zu veganer Ernährung aufgrund der weiterhin limitierten Datenlage keine Empfehlung für oder gegen eine vegane Ernährung in der Schwangerschaft aus, verweist aber auf die Notwendigkeit besonders fundierter Ernährungskenntnisse sowie einer zuverlässigen Supplementierung (Vitamin B12 und ggf. weitere Mikronährstoffe) und auf eine Ernährungsberatung durch qualifizierte Fachkräfte [139]. In der Schweiz und Österreich wird eine vegane Ernährung in der Schwangerschaft aufgrund der besonderen Ernährungsbedürfnisse in dieser Lebensphase weiterhin nicht empfohlen [140, 141].
Aktuelle Übersichtsarbeiten ergaben, dass eine vegane Ernährung während der Schwangerschaft mit einem erhöhten Risiko für ein geringes Geburtsgewicht und SGA verbunden ist [142, 143].
Hintergrundinformationen
Bei einer vegetarischen und veganen Ernährung in der Schwangerschaft ist eine gut geplante Lebensmittelauswahl sowie Supplementierung kritischer Nährstoffe für eine bedarfsdeckende Nährstoffzufuhr unentbehrlich. Als potenziell kritische Nährstoffe, insbesondere bei einer veganen, mitunter aber auch bei einer vegetarischen Ernährung, gelten Vitamin B12 und Jod sowie Protein, Eisen, langkettige Omega-3-Fettsäuren, Zink, Calcium, Vitamin D, Vitamin B2 und Selen [139, 144, 145]. Unabhängig von der Ernährungsweise gelten im Kontext der Schwangerschaft die Hinweise zur Supplementierung von Folsäure und Jod (siehe Kapitel „Supplemente“).
Während mit einer ausgewogenen ovo-lakto-vegetarischen Ernährung eine ausreichende Nährstoffversorgung in der Schwangerschaft möglich ist, ist bei einer veganen Ernährung vor allem eine ausreichende Supplementierung von Vitamin B12 notwendig, da Vitamin B12 in relevanten Mengen nur in tierischen Lebensmitteln enthalten ist [139].
Eine systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse zeigt auf, dass Personen mit vegetarischer Ernährungsweise geringere Serumferritinwerte aufwiesen als die nichtvegetarische Kontrollgruppe [146]. Ein weiteres systematisches Review zeigte eine geringere Eisenzufuhr und geringere Eisenstatuswerte bei Personen mit vegetarischer und veganer Ernährungsweise im Vergleich zu einer Ernährungsweise mit Fleischkonsum [147]. Andererseits zeigte eine britische Studie, dass bei Vegetarierinnen in der Schwangerschaft seltener eine geringe Eisenzufuhr (aus Nahrung und Supplement) beobachtet wurde und sie im 1. und 2. Trimester häufiger Eisensupplemente einnahmen als Nichtvegetarierinnen [148]. In einer weiteren Studie wurde u. a. der Eisenstatus im Nabelschnurblut untersucht, wobei keine Unterschiede zwischen mütterlicher vegetarischer und nichtvegetarischer Ernährungsweise beobachtet wurden [149].
Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte und einige Gemüsearten sind die Hauptlieferanten für Eisen aus pflanzlichen Lebensmitteln, welches allerdings weniger gut verfügbar ist als Eisen aus tierischen Lebensmitteln. Ein gleichzeitiger Verzehr von Vitamin-C-reichen Lebensmitteln (z. B. Zitrusfrüchte, Paprikaschoten) kann die Aufnahme und Verwertung von pflanzlichem Eisen verbessern. Schwangere, die sich vegetarisch oder vegan ernähren, sollten besonders auf eine adäquate Eisenzufuhr achten. Wird laborchemisch ein Eisenmangel diagnostiziert, ist Eisen zu supplementieren (siehe Kapitel „Supplemente“).
Studien zeigen, dass auch die Zufuhr von EPA/DHA bei Personen mit vegetarischer und veganer Ernährungsweise geringer ist als bei omnivorer Ernährung [147, 150]. Daher wird in der Schwangerschaft die Einnahme eines DHA-Supplements empfohlen, wenn kein oder nicht regelmäßig Fisch verzehrt wird (siehe Kapitel „Supplemente“). DHA-Supplemente basieren in der Regel auf Fischöl. Als Alternative stehen DHA-Präparate aus Algenöl zur Verfügung [151, 152].
In der Ernährungspraxis werden als Ersatz für Milch mittlerweile häufig Pflanzendrinks genutzt. Pflanzendrinks enthalten, ganz gleich aus welchem Rohstoff sie hergestellt werden, von Natur aus keine oder kaum nennenswerte Mengen an den milchtypischen Nährstoffen Calcium, Jod, Vitamin B2 und Vitamin B12. Marktuntersuchungen zeigen, dass ein Teil der Produkte mit Mikronährstoffen angereichert ist [153]. Bei Bio-Pflanzendrinks ist jedoch eine Anreicherung mit Vitaminen und Mineralstoffen verboten [154]. Die Unterschiede in der Art und Menge zugesetzter Nährstoffe erschweren eine ernährungsphysiologisch sinnvolle Auswahl der Produkte. Schwangere, die Kuhmilch ganz oder teilweise durch Pflanzendrinks ersetzen, sollten bei der Auswahl auf die Anreicherung der Produkte achten und sich mit den oben genannten Nährstoffen ggf. aus anderen Quellen versorgen [155].
Zur Vermeidung möglicher negativer Auswirkungen auf die Gesundheit des Kindes sollten Frauen, die sich vegan ernähren, schon vor einer Schwangerschaft erwägen, von einer veganen zu einer ovo-lakto-vegetarischen, pescetarischen, flexitarischen oder omnivoren Ernährung zu wechseln. Veganerinnen, die ihre Ernährungsweise in der Schwangerschaft beibehalten möchten, sollten bereits bei Kinderwunsch eine qualifizierte Beratung zu Ernährung und Supplementierung in Anspruch nehmen, um eventuelle Nährstoffmängel noch vor der Konzeption zu beheben. Auch in der Schwangerschaft sollten sie die Versorgung mit kritischen Nährstoffen regelmäßig ärztlich überprüfen lassen, um gezielt supplementieren zu können und ggf. auch angereicherte Lebensmittel auszuwählen.