Die Gewichtszunahme in der Schwangerschaft ist individuell sehr unterschiedlich und hängt von Faktoren wie der Energieaufnahme der schwangeren Frau und dem Ausmaß ihrer körperlichen Aktivität ab. Studien zeigen, dass eine übermäßige Gewichtszunahme in der Schwangerschaft mit unerwünschten gesundheitlichen Folgen für Mutter und Kind einhergehen kann. Gleiches gilt für Frauen, die zu Beginn der Schwangerschaft übergewichtig oder adipös sind, denn auch das Ausgangsgewicht spielt eine entscheidende Rolle.
Einige internationale Fachinstitutionen empfehlen, bei der Beratung von Schwangeren und Frauen mit Kinderwunsch anstelle von Gewichtsvorgaben einen gesundheitsförderlichen Lebensstil zu betonen und Hinweise zu Ernährung und Bewegung zu geben [1,2]. Begründet wird dies mit einer unsicheren Datenlage zu exakten Empfehlungen zur Gewichtsveränderung während der Schwangerschaft in Abhängigkeit vom Ausgangsgewicht.
Die Handlungsempfehlungen „Ernährung, Bewegung und weitere Gesundheitsaspekte vor und während der Schwangerschaft“ [3] des bundesweiten Netzwerks Gesund ins Leben verbinden beide Ansätze. Die Empfehlungen zu Ausgangsgewicht und Gewichtsentwicklung sowie zum Energiebedarf werden hier vorgestellt.
Sowohl Gewichtszunahme als auch Ausgangsgewicht relevant
Die Frage nach einer angemessenen Gewichtszunahme wird oft mit Verweis auf die Empfehlungen der National Academy of Medicine (NAM) (vormals das Institute of Medicine, IOM) beantwortet. Diese 2009 veröffentlichten Empfehlungen enthalten Angaben zur Gewichtszunahme in Abhängigkeit vom Ausgangsgewicht der Frau. Allerdings hat z. B. Großbritannien [5] die Empfehlungen nicht übernommen. Andere Länder wie Australien [6] und die Niederlande [7] haben sie angepasst, denn die Empfehlungen beruhen ausschließlich auf Beobachtungsstudien an US-amerikanischen Frauen und sind damit nicht repräsentativ für andere Länder. In Fachpublikationen gibt es weitere Kritikpunkte. So wird etwa die IOM/NAM-Empfehlung zur Gewichtszunahme für Frauen mit Adipositas (BMI > 30 kg/m2) als zu hoch angesehen.
Auch die nationalen Handlungsempfehlungen enthalten eigene Gewichtsbereiche für die Schwangerschaft in Abhängigkeit vom Ausgangsgewicht (siehe Infobox 1):
Handlungsempfehlungen: Körpergewicht vor der Konzeption und Gewichtsentwicklung
- Frauen mit Kinderwunsch sollten im Rahmen einer individuellen Beratung zu einem gesundheitsförderlichen Lebensstil mit ausgewogener Ernährung und ausreichend körperlicher Aktivität ermutigt werden. Schon vor der Schwangerschaft ist eine bestmögliche Annäherung des Körpergewichts an ein Normalgewicht wünschenswert. Das gilt für Frauen mit Übergewicht oder Adipositas, aber auch für Frauen mit Untergewicht.
- Ein gesundheitsförderlicher Lebensstil mit ausgewogener Ernährung und ausreichend körperlicher Aktivität sollte auch während der Schwangerschaft beibehalten werden, um eine gesunde Gewichtsentwicklung zu unterstützen.
- Eine angemessene Gewichtszunahme in der Schwangerschaft liegt für Frauen mit Normalgewicht zwischen 10 und 16 kg.
- Für Frauen mit Übergewicht ist eine geringere Gewichtszunahme als für Frauen mit Normalgewicht wünschenswert.
- Für Frauen mit Adipositas kann die Gewichtszunahme unterhalb von 5 bis 9 kg liegen.
- Bei Frauen mit Untergewicht sollte auf eine ausreichende Gewichtszunahme in der Schwangerschaft geachtet werden
Infobox 1: Auszug Handlungsempfehlungen „Ernährung, Bewegung und weitere Gesundheitsaspekte vor und während der Schwangerschaft“ 2026
Für Frauen mit Adipositas wird eine Gewichtszunahme unterhalb der IOM/NAM-Empfehlung von 5 bis 9 kg empfohlen. Eine derartige Zunahme geht nach aktuellen Studien und Übersichtsarbeiten mit weniger Säuglingen einher, die für das Schwangerschaftsalter zu groß bzw. zu schwer sind (Large for Gestational Age, LGA) und seltener mit Präeklampsie oder Kaiserschnittgeburten. Wachstumsverzögerungen beim Ungeborenen werden dabei nicht beobachtet [8–10]. Auch die S3-Leitlinien „Gestationsdiabetes mellitus (GDM), Diagnostik, Therapie und Nachsorge“ sowie „Adipositas und Schwangerschaft“ empfehlen entsprechend für Frauen mit Adipositas eine Gewichtszunahme unterhalb der IOM/NAM-Empfehlungen [11,12].
Bei Frauen mit Normalgewicht (BMI 18,5–24,9 kg/m2) liegt eine angemessene Gewichtszunahme zwischen 10 und 16 kg.
Für Frauen mit Übergewicht (BMI 25–29,9 kg/m2) ist eine geringere Zunahme als für Frauen mit Normalgewicht wünschenswert [13,14]. Das Risiko z. B. für Bluthochdruck und Schwangerschaftsdiabetes steigt, wenn Frauen mit Übergewicht oder Adipositas in eine Schwangerschaft starten – und auch bei einer höheren Gewichtszunahme in der Schwangerschaft [15–19].
Bei Frauen mit Untergewicht (BMI < 18,5 kg/m2) ist eine angemessene Energie- und Nährstoffversorgung in der Schwangerschaft besonders wichtig. Eine generelle Empfehlung zur Mindestgewichtszunahme kann aus den vorliegenden Studien nicht abgeleitet werden [24–27].
Die meisten Studien, die mütterliches Ausgangsgewicht und Gewichtsentwicklung betrachten, sehen beides als unabhängige Risikofaktoren, die sich jedoch gegenseitig beeinflussen und verstärken können [17, 20–23]. Eine Annäherung an ein Normalgewicht vor der Konzeption ist sowohl bei Übergewicht und Adipositas als auch bei Untergewicht sinnvoll.
Für die meisten Schwangeren keine erhöhte Energiezufuhr nötig
In der Schwangerschaft ist der Ruhe-Energieverbrauch erhöht. Das Ausmaß wird jedoch häufig überschätzt. Gemäß der aktualisierten Handlungsempfehlungen ist für die meisten Schwangeren keine Erhöhung der Energiezufuhr erforderlich. Das gilt besonders bei Übergewicht oder Adipositas. Eine bedarfsgerechte Energiezufuhr leistet zudem einen Beitrag zu einer angemessenen Gewichtsentwicklung während der Schwangerschaft.
Der Richtwert für die Energiezufuhr der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) berücksichtigt den rechnerischen Mehrbedarf an Energie in der Schwangerschaft [28]. Er ist berechnet für Frauen, die mit Normalgewicht schwanger wurden, in der Schwangerschaft unvermindert körperlich aktiv sind und eine Gewichtszunahme von etwa 12 kg haben. Dies trifft jedoch nur auf einen Teil der Schwangeren zu. In Deutschland beginnen inzwischen 26 % der Frauen ihre Schwangerschaft mit Übergewicht und weitere 19 % mit Adipositas [29]. Gleichzeitig erreicht weniger als die Hälfte der Frauen im gebärfähigen Alter das von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlene Maß an körperlicher Aktivität [30] und typischerweise nimmt die Aktivität im Verlauf der Schwangerschaft weiter ab. Übergewicht und Adipositas erhöhen zudem die Wahrscheinlichkeit für weniger Bewegung.
Schwangere Frauen sollen besonders auf die Qualität ihrer Ernährung achten. Im Verhältnis zum Energiebedarf steigt der Bedarf an einzelnen Vitaminen und Mineralstoffen einschließlich Spurenelementen in der Schwangerschaft deutlich stärker [3].
Fazit: Orientierung statt alleinigen Fokus auf Gewicht
Im Zentrum aktueller Empfehlungen stehen Hinweise auf eine ausgewogene Ernährung und ausreichend körperliche Aktivität – und damit auf eine insgesamt gesundheitsförderliche Lebensweise. Konkrete Empfehlungen zur Gewichtsentwicklung dienen ergänzend als Orientierung. Eine individuelle Beratung, die sowohl das Ausgangsgewicht als auch die individuelle Lebenssituation von Frauen berücksichtigt, ist entscheidend. Das Thema Körpergewicht ist für viele Frauen ein sensibles Thema. Ein wertschätzender, positiver und feinfühliger Umgang mit dem Thema in der Beratung trägt zur bestmöglichen Unterstützung bei [1, 6, 31, 32].