Das Vitamin Folat spielt bei zahlreichen Stoffwechselvorgängen eine zentrale Rolle und ist insbesondere für die Teilung, Differenzierung und das Wachstum von Zellen entscheidend. Folsäure ist die synthetisch hergestellte Form des Vitamins. Sie wird in Supplementen sowie zur Anreicherung von Lebensmitteln wie Speisesalz oder Frühstückscerealien verwendet. Natürliche Folate haben eine geringere Bioverfügbarkeit als Folsäure. Daher gibt es den Begriff Folat-Äquivalent, der z. B. für Referenzwerte genutzt wird. Damit können Folat aus Lebensmitteln und ergänzende Folsäure mengenmäßig gemeinsam betrachtet werden [1].
Höherer Bedarf in der Schwangerschaft
Über Nachgefragt
In der Rubrik Nachgefragt gehen wir Irrtümern auf den Grund und erklären altes Wissen neu
Durch das Wachstum von mütterlichem und fetalem Gewebe steigt der Bedarf an Folat während der Schwangerschaft deutlich an. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt Schwangeren eine Erhöhung der Zufuhr um 83 Prozent, also von 300 µg auf 550 µg Folat-Äquivalente pro Tag [2]. Die mittlere Zufuhr von Frauen aller Altersgruppen liegt gemäß der Nationalen Verzehrsstudie II deutlich darunter. Demnach erreichten nur 14 % die empfohlene Zufuhr [3].
Schon ab Kinderwunsch täglich Folsäure ergänzen
Die Einnahme von Folsäure vor und während der Schwangerschaft senkt nachweislich das Risiko für angeborene Fehlbildungen wie Neuralrohrdefekte, die das Gehirn und Rückenmark des Kindes betreffen können [4–7]. Um das Risiko größtmöglich zu verringern, muss die Folsäure-Supplementierung bereits vor der Schwangerschaft beginnen [2, 8]. Gemäß der nationalen Handlungsempfehlungen des Netzwerks Gesund ins Leben sollen Frauen, die schwanger werden wollen oder könnten, deshalb zusätzlich zu einer bedarfsgerechten Ernährung ein Folsäure-Supplement einnehmen. Die Einnahme soll ab Kinderwunsch beginnen, zumindest aber vier Wochen vor der Empfängnis, und bis zum Ende des ersten Schwangerschaftsdrittels fortgesetzt werden. Das Supplement soll 400 µg Folsäure/Tag oder äquivalente Mengen anderer Folate enthalten [9].
Handlungsempfehlungen: Folsäure
- Frauen mit Kinderwunsch sollen zusätzlich zu einer ausgewogenen Ernährung 400 µg Folsäure pro Tag bzw. eine äquivalente Menge anderer Folate supplementieren.
- Die Einnahme soll ab Kinderwunsch beginnen und bis zum Ende der 12. Schwangerschaftswoche fortgesetzt werden.
- Frauen, die mit der Supplementierung von Folsäure nicht mindestens 4 Wochen vor der Konzeption begonnen haben, sollen 800 µg Folsäure pro Tag bzw. eine äquivalente Menge anderer Folate bis zum Ende der 12. Schwangerschaftswoche einnehmen.
Auszug Handlungsempfehlungen „Ernährung, Bewegung und weitere Gesundheitsaspekte vor und während der Schwangerschaft“ 2026 [9]
Neuralrohrdefekte kommen bei etwa einer von tausend Geburten vor. Am häufigsten ist eine Spina bifida („offener Rücken“) [10, 11]. Das Neuralrohr, aus dem sich im Lauf der embryonalen Entwicklung das Zentralnervensystem entwickelt, schließt sich normalerweise bereits vier Wochen nach der Empfängnis. Zum einen wissen viele Frauen zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass sie schwanger sind. Zum anderen braucht es Zeit, bis durch die Einnahme von Folsäure der Versorgungsstatus relevant verbessert wird. Deshalb wird die Folsäure-Supplementation bereits vor der Empfängnis empfohlen.
Bei später begonnener Einnahme höhere Dosis
Neben Verzehrsstudien ist die Konzentration von Folat in den Erythrozyten eine weitere Möglichkeit, um die Versorgung zu beurteilen. Die WHO hat hier eine empfohlene Konzentration zur Vorbeugung von Neuralrohrdefekten festgelegt [12]. Diese erreichen laut der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland nur 3 bis 4 % der 18- bis 49-jährigen Frauen [13].
Wie schnell sie erreicht werden kann, ist von der Ausgangskonzentration und von der supplementierten Dosis abhängig. So sind bei einer täglichen Einnahme von 400 µg Folsäure sechs bis acht Wochen bis zum Erreichen notwendig, bei Einnahme von 800 µg pro Tag dagegen nur etwa vier Wochen [14, 15]. Frauen, die nicht mindestens vier Wochen vor der Empfängnis beginnen Folsäure zu supplementieren, sollen deshalb 800 µg Folsäure pro Tag bzw. eine äquivalente Menge anderer Folate bis zum Ende der zwölften Schwangerschaftswoche einnehmen [9].
Die empfohlene Folsäuremenge zur Vorbeugung von Neuralrohrdefekten kann sowohl allein oder in Kombination mit anderen Mikronährstoffen eingenommen werden. In beiden Fällen sollten die Präparate die empfohlene Dosierung an Folsäure enthalten. Bis zu 1.000 µg Folsäure am Tag über Supplemente oder angereicherte Lebensmittel sind laut der Europäischen Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA gesundheitlich unbedenklich, auch in der Schwangerschaft [16]. Das Risiko einer Überversorgung ist damit auch bei Einnahme der höheren Dosierung von 800 µg Folsäure gering.
Hinweise auf weitere positive Wirkungen
Es gibt Hinweise, dass die Einnahme von Folsäure in der Schwangerschaft mit weiteren positiven Wirkungen auf Gesundheit von Kind und Frau verbunden sein kann. So war eine gute Versorgung der Frau mit dem Vitamin in Studien mit einem geringeren Risiko für Präeklampsie (gemeinsames Auftreten von Bluthochdruck und mindestens einer weiteren Organbeteiligung während der Schwangerschaft), Frühgeburt, Autismus und perinataler Depression assoziiert [9].
Zu wenige Schwangere nehmen Folsäure
Befragungen in Deutschland zeigen, dass nur rund 40 % der Schwangeren Folsäure zum empfohlenen Zeitpunkt – also vor der Empfängnis und während der Schwangerschaft – und in der richtigen Dosierung einnehmen [17–19]. Für die Nicht-Einnahme von Folsäure kann neben einer ungeplanten Schwangerschaft z. B. ein geringes Bewusstsein für die Bedeutung von Folsäure in der Schwangerschaft eine Rolle spielen. Zudem gibt es Hinweise, dass ab dem zweiten Kind seltener auf eine angemessene Folsäure-Einnahme geachtet wird [19].
Supplement plus Ernährung
Mit einer ausgewogenen Ernährung und einer gezielten Lebensmittelauswahl können werdende Mütter ihre Folat-Zufuhr und damit Versorgung verbessern. Das Vitamin kommt natürlicherweise in pflanzlichen und tierischen Lebensmitteln vor. Reich daran sind grüne Blattgemüsearten wie Spinat, Feldsalat und Kohl. Auch Tomaten, Hülsenfrüchte, Nüsse und Eier sind gute Lieferanten und ebenso alle Vollkornprodukte. Da Licht, Luft und Sauerstoff dem Vitamin schaden, sollten Gemüse und Obst richtig gelagert und möglichst schonend zubereitet werden.
Damit kommt es bei Kinderwunsch und Folsäure auf beides an: eine bedarfsgerechte Ernährung (pflanzenbetont, ausgewogen und abwechslungsreich) und die zusätzliche Einnahme von Folsäure als Supplement bis zum Ende des ersten Schwangerschaftsdrittels. Folsäure-Tabletten ersetzen die Zufuhr durch Lebensmittel nicht, sondern sind eine wichtige Ergänzung. Gleichzeitig gilt die Empfehlung zur Supplementierung von Folsäure unabhängig von der Ernährungsweise.
Der Artikel basiert auf den bundesweiten Handlungsempfehlungen „Ernährung, Bewegung und weitere Gesundheitsaspekte vor und während der Schwangerschaft“ 2026