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Folsäure-Tabletten werden Frauen mit Kinderwunsch und Schwangeren seit den 1990er Jahren empfohlen. Doch nur zwei von fünf Frauen nehmen sie wie empfohlen ein. Das Netzwerk Gesund ins Leben informiert über Startzeitpunkt, Dauer und Dosierung der Supplementierung.

Eine Frau hält eine weiße Tablette in der Hand, in der anderen Hand ein Glas Wasser
stock.adobe.com/Prostock-studio

Das Vitamin Folat spielt bei zahlreichen Stoffwechselvorgängen eine zentrale Rolle und ist insbesondere für die Teilung, Differenzierung und das Wachstum von Zellen entscheidend. Folsäure ist die synthetisch hergestellte Form des Vitamins. Sie wird in Supplementen sowie zur Anreicherung von Lebensmitteln wie Speisesalz oder Frühstückscerealien verwendet. Natürliche Folate haben eine geringere Bioverfügbarkeit als Folsäure. Daher gibt es den Begriff Folat-Äquivalent, der z. B. für Referenzwerte genutzt wird. Damit können Folat aus Lebensmitteln und ergänzende Folsäure mengenmäßig gemeinsam betrachtet werden [1].

Höherer Bedarf in der Schwangerschaft

Durch das Wachstum von mütterlichem und fetalem Gewebe steigt der Bedarf an Folat während der Schwangerschaft deutlich an. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt Schwangeren eine Erhöhung der Zufuhr um 83 Prozent, also von 300 µg auf 550 µg Folat-Äquivalente pro Tag [2]. Die mittlere Zufuhr von Frauen aller Altersgruppen liegt gemäß der Nationalen Verzehrsstudie II deutlich darunter. Demnach erreichten nur 14 % die empfohlene Zufuhr [3].

Schon ab Kinderwunsch täglich Folsäure ergänzen

Die Einnahme von Folsäure vor und während der Schwangerschaft senkt nachweislich das Risiko für angeborene Fehlbildungen wie Neuralrohrdefekte, die das Gehirn und Rückenmark des Kindes betreffen können [4–7]. Um das Risiko größtmöglich zu verringern, muss die Folsäure-Supplementierung bereits vor der Schwangerschaft beginnen [2, 8]. Gemäß der nationalen Handlungsempfehlungen des Netzwerks Gesund ins Leben sollen Frauen, die schwanger werden wollen oder könnten, deshalb zusätzlich zu einer bedarfsgerechten Ernährung ein Folsäure-Supplement einnehmen. Die Einnahme soll ab Kinderwunsch beginnen, zumindest aber vier Wochen vor der Empfängnis, und bis zum Ende des ersten Schwangerschaftsdrittels fortgesetzt werden. Das Supplement soll 400 µg Folsäure/Tag oder äquivalente Mengen anderer Folate enthalten [9].

Handlungsempfehlungen: Folsäure

  • Frauen mit Kinderwunsch sollen zusätzlich zu einer ausgewogenen Ernährung 400 µg Folsäure pro Tag bzw. eine äquivalente Menge anderer Folate supplementieren.
  • Die Einnahme soll ab Kinderwunsch beginnen und bis zum Ende der 12. Schwangerschaftswoche fortgesetzt werden.
  • Frauen, die mit der Supplementierung von Folsäure nicht mindestens 4 Wochen vor der Konzeption begonnen haben, sollen 800 µg Folsäure pro Tag bzw. eine äquivalente Menge anderer Folate bis zum Ende der 12. Schwangerschaftswoche einnehmen. 

Auszug Handlungsempfehlungen „Ernährung, Bewegung und weitere Gesundheitsaspekte vor und während der Schwangerschaft“ 2026 [9]

Neuralrohrdefekte kommen bei etwa einer von tausend Geburten vor. Am häufigsten ist eine Spina bifida („offener Rücken“) [10, 11]. Das Neuralrohr, aus dem sich im Lauf der embryonalen Entwicklung das Zentralnervensystem entwickelt, schließt sich normalerweise bereits vier Wochen nach der Empfängnis. Zum einen wissen viele Frauen zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass sie schwanger sind. Zum anderen braucht es Zeit, bis durch die Einnahme von Folsäure der Versorgungsstatus relevant verbessert wird. Deshalb wird die Folsäure-Supplementation bereits vor der Empfängnis empfohlen. 

Bei später begonnener Einnahme höhere Dosis

Neben Verzehrsstudien ist die Konzentration von Folat in den Erythrozyten eine weitere Möglichkeit, um die Versorgung zu beurteilen. Die WHO hat hier eine empfohlene Konzentration zur Vorbeugung von Neuralrohrdefekten festgelegt [12]. Diese erreichen laut der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland nur 3 bis 4 % der 18- bis 49-jährigen Frauen [13]. 

Wie schnell sie erreicht werden kann, ist von der Ausgangskonzentration und von der supplementierten Dosis abhängig. So sind bei einer täglichen Einnahme von 400 µg Folsäure sechs bis acht Wochen bis zum Erreichen notwendig, bei Einnahme von 800 µg pro Tag dagegen nur etwa vier Wochen [14, 15]. Frauen, die nicht mindestens vier Wochen vor der Empfängnis beginnen Folsäure zu supplementieren, sollen deshalb 800 µg Folsäure pro Tag bzw. eine äquivalente Menge anderer Folate bis zum Ende der zwölften Schwangerschaftswoche einnehmen [9].

Die empfohlene Folsäuremenge zur Vorbeugung von Neuralrohrdefekten kann sowohl allein oder in Kombination mit anderen Mikronährstoffen eingenommen werden. In beiden Fällen sollten die Präparate die empfohlene Dosierung an Folsäure enthalten. Bis zu 1.000 µg Folsäure am Tag über Supplemente oder angereicherte Lebensmittel sind laut der Europäischen Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA gesundheitlich unbedenklich, auch in der Schwangerschaft [16]. Das Risiko einer Überversorgung ist damit auch bei Einnahme der höheren Dosierung von 800 µg Folsäure gering.

Hinweise auf weitere positive Wirkungen

Es gibt Hinweise, dass die Einnahme von Folsäure in der Schwangerschaft mit weiteren positiven Wirkungen auf Gesundheit von Kind und Frau verbunden sein kann. So war eine gute Versorgung der Frau mit dem Vitamin in Studien mit einem geringeren Risiko für Präeklampsie (gemeinsames Auftreten von Bluthochdruck und mindestens einer weiteren Organbeteiligung während der Schwangerschaft), Frühgeburt, Autismus und perinataler Depression assoziiert [9]. 

Zu wenige Schwangere nehmen Folsäure

Befragungen in Deutschland zeigen, dass nur rund 40 % der Schwangeren Folsäure zum empfohlenen Zeitpunkt – also vor der Empfängnis und während der Schwangerschaft – und in der richtigen Dosierung einnehmen [17–19]. Für die Nicht-Einnahme von Folsäure kann neben einer ungeplanten Schwangerschaft z. B. ein geringes Bewusstsein für die Bedeutung von Folsäure in der Schwangerschaft eine Rolle spielen. Zudem gibt es Hinweise, dass ab dem zweiten Kind seltener auf eine angemessene Folsäure-Einnahme geachtet wird [19].

Supplement plus Ernährung

Mit einer ausgewogenen Ernährung und einer gezielten Lebensmittelauswahl können werdende Mütter ihre Folat-Zufuhr und damit Versorgung verbessern. Das Vitamin kommt natürlicherweise in pflanzlichen und tierischen Lebensmitteln vor. Reich daran sind grüne Blattgemüsearten wie Spinat, Feldsalat und Kohl. Auch Tomaten, Hülsenfrüchte, Nüsse und Eier sind gute Lieferanten und ebenso alle Vollkornprodukte. Da Licht, Luft und Sauerstoff dem Vitamin schaden, sollten Gemüse und Obst richtig gelagert und möglichst schonend zubereitet werden.

Damit kommt es bei Kinderwunsch und Folsäure auf beides an: eine bedarfsgerechte Ernährung (pflanzenbetont, ausgewogen und abwechslungsreich) und die zusätzliche Einnahme von Folsäure als Supplement bis zum Ende des ersten Schwangerschaftsdrittels. Folsäure-Tabletten ersetzen die Zufuhr durch Lebensmittel nicht, sondern sind eine wichtige Ergänzung. Gleichzeitig gilt die Empfehlung zur Supplementierung von Folsäure unabhängig von der Ernährungsweise.

Der Artikel basiert auf den bundesweiten Handlungsempfehlungen „Ernährung, Bewegung und weitere Gesundheitsaspekte vor und während der Schwangerschaft“ 2026

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Literatur

[1] Deutsche Gesellschaft für Ernährung. Ausgewählte Fragen und Antworten zu Folat. 2025. Im Internet: https://www.dge.de/gesunde-ernaehrung/faq/folat/, Zugriff 22.04.2026

[2] Deutsche Gesellschaft für Ernährung, Österreichische Gesellschaft für Ernährung. Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr. 3. Auflage, 1. Ausgabe. Bonn; 2025

[3] Max Rubner-Institut. Nationale Verzehrsstudie II. Ergebnisbericht, Teil 2. Karlsruhe; 2008

[4] Czeizel AE, Dudás I. Prevention of the first occurrence of neural-tube defects by periconceptional vitamin supplementation. N Engl J Med 1992; 327: 1832–1835; DOI: 10.1056/NEJM199212243272602

[5] De-Regil LM, Peña-Rosas JP, Fernández-Gaxiola AC et al. Effects and safety of periconceptional oral folate supplementation for preventing birth defects. Cochrane Database Syst Rev 2015; 2015: CD007950; DOI: 10.1002/14651858.CD007950.pub3

[6] Viswanathan M, Urrutia RP, Hudson KN et al. Folic Acid Supplementation to Prevent Neural Tube Defects: Updated Evidence Report and Systematic Review for the US Preventive Services Task Force. JAMA 2023; 330: 460–466; DOI: 10.1001/jama.2023.9864

[7] MRC Vitamin Study Research Group. Prevention of neural tube defects: Results of the Medical Research Council Vitamin Study. The Lancet 1991; 338: 131–137; DOI: 10.1016/0140-6736(91)90133-A

[8] Dong J, Yin L-L, Deng X-D et al. Initiation and duration of folic acid supplementation in preventing congenital malformations. BMC Med 2023; 21: 292; DOI: 10.1186/s12916-023-03000-8

[9] Alaze-Hagemann F, Reiss K, Abou-Dakn M et al. Nutrition, Physical Activity and Other Health Aspects Before and During Pregnancy – Recommendations by the Nationwide “Healthy Start Network” (Netzwerk Gesund ins Leben) 2026. Geburtsh Frauenheilk 2026. DOI: 10.1055/a-2827-5905

[10] Götz D, Hartmann D, Köhn A, Voigt C, Rißmann A. Fehlbildungsmonitoring Sachsen-Anhalt. Jahresbericht 2024. Magdeburg; 2025

[11] European Commission/EUROCAT: Folic Acid and Neural Tube Defects. https://eu-rd-platform.jrc.ec.europa.eu/eurocat/prevention-and-risk-factors/folic-acid-neural-tube-defects_en, Zugriff 22.04.2026

[12] World Health Organization. Guidelines: Optimal serum and red blood cell folate concentrations in women of reproductive age for prevention of neural tube defects. Geneva; 2015

[13] Deutsche Gesellschaft für Ernährung. 13. DGE-Ernährungsbericht. Bonn; 2016

[14] Bramswig S, Prinz-Langenohl R, Lamers Y. et al. Supplementation with a multivitamin containing 800 microg of folic acid shortens the time to reach the preventive red blood cell folate concentration in healthy women. Int J Vitam Nutr Res 2009; 79: 61–70

[15] Obeid R, Schon C, Wilhelm M. et al. The effectiveness of daily supplementation with 400 or 800 microg/day folate in reaching protective red blood folate concentrations in non-pregnant women: a randomized trial. Eur J Nutr 2017; DOI: 10.1007/s00394-017-1461-8

[16] Turck D, Bohn T, Castenmiller J et al. Scientific opinion on the tolerable upper intake level for folate. EFSA Journal 2023; 21: e08353; DOI: 10.2903/j.efsa.2023.8353

[17] Hett A, Smollich M. Sources of dietary recommendations and adherence to clinical guidelines in pregnant women in Germany. BMC Pregnancy Childbirth 2025; 25: 1072; DOI: 10.1186/s12884-025-08228-1

[18] Doru B, Hockamp N, Sievers E et al. Adherence to recommendations for nutrient supplementation related to pregnancy in Germany. Food Sci Nutr 2023; 11: 5236–5247; DOI: 10.1002/fsn3.3482

[19] Wegner C, Kancherla V, Lux A et al. Periconceptional folic acid supplement use among women of reproductive age and its determinants in central rural Germany: Results from a cross sectional study. Birth Defects Res 2020; 112: 1057–1066; DOI: 10.1002/bdr2.1714