Empfehlungen
- Frauen mit Kinderwunsch sollten im Rahmen einer individuellen Beratung zu einem gesundheitsförderlichen Lebensstil mit ausgewogener Ernährung und ausreichend körperlicher Aktivität ermutigt werden. Schon vor der Schwangerschaft ist eine bestmögliche Annäherung des Körpergewichts an ein Normalgewicht wünschenswert. Das gilt für Frauen mit Übergewicht oder Adipositas, aber auch für Frauen mit Untergewicht.
- Ein gesundheitsförderlicher Lebensstil mit ausgewogener Ernährung und ausreichend körperlicher Aktivität sollte auch während der Schwangerschaft beibehalten werden, um eine gesunde Gewichtsentwicklung zu unterstützen.
- Eine angemessene Gewichtszunahme in der Schwangerschaft liegt für Frauen mit Normalgewicht zwischen 10 und 16 kg.
- Für Frauen mit Übergewicht ist eine geringere Gewichtszunahme als für Frauen mit Normalgewicht wünschenswert.
- Für Frauen mit Adipositas kann die Gewichtszunahme unterhalb von 5 bis 9 kg 1 liegen.
- Bei Frauen mit Untergewicht sollte auf eine ausreichende Gewichtszunahme in der Schwangerschaft geachtet werden.
Grundlagen der Empfehlungen
Internationale Fachgesellschaften bzw. institutionen empfehlen, bei der Beratung von Schwangeren und Frauen mit Kinderwunsch anstelle von Gewichtsvorgaben einen gesundheitsförderlichen Lebensstil zu betonen und Hinweise zu Ernährung und Bewegung zu geben [15, 42]. Begründet wird dies mit einer unsicheren Datenlage zur empfohlenen Gewichtsveränderung in Abhängigkeit vom Ausgangsgewicht. In diesem Zusammenhang ist auch die Empfehlung zur bestmöglichen Annäherung des Körpergewichts an ein Normalgewicht (Body Mass Index (BMI) 18,5–24,9 kg/m2) vor der Schwangerschaft zu sehen [1, 43, 44].
Eine Gewichtszunahme zwischen 10 und 16 kg ist bei normalgewichtigen Frauen mit einem geringeren Risiko für negative kindliche und mütterliche Outcomes assoziiert. Für Frauen mit Übergewicht (BMI 25–29,9 kg/m2) ist eine geringere Gewichtszunahme als für Frauen mit Normalgewicht wünschenswert [45, 46]. Das Risiko für unerwünschte Outcomes, wie Bluthochdruck und Schwangerschaftsdiabetes, aber auch für Frühgeburten steigt, wenn Frauen mit Übergewicht oder Adipositas (BMI > 30 kg/m2) in eine Schwangerschaft starten – und auch bei einer höheren Gewichtszunahme in der Schwangerschaft [47–51].
Für Frauen mit Adipositas wird eine Gewichtszunahme in der Schwangerschaft von unter 5 bis 9 kg und damit unterhalb der Empfehlung der National Academy of Medicine (NAM) (vormals Institute of Medicine, IOM) empfohlen [46]: So zeigen aktuelle Studien und Übersichtsarbeiten, dass bei Schwangeren mit Adipositas eine Gewichtszunahme unterhalb dieser IOM/NAM-Empfehlung nicht mit fetalen Wachstumsverzögerungen, sondern mit einer geringeren Rate an Large for Gestational Age (LGA) und seltenerem Auftreten von Präeklampsie oder Kaiserschnittgeburten einhergeht [52–54]. Entsprechend empfehlen auch die S3-Leitlinien „Gestationsdiabetes mellitus (GDM), Diagnostik, Therapie und Nachsorge“ sowie „Adipositas und Schwangerschaft“, eine Gewichtszunahme unterhalb der IOM/NAM-Empfehlung für Frauen mit Adipositas zu erwägen [44, 55].
Eine beabsichtigte Gewichtsabnahme während der Schwangerschaft wird vom National Institute for Health and Care Excellence (NICE) aus Großbritannien aufgrund potenzieller schädlicher Auswirkungen auf das Kind generell nicht empfohlen [15]. Ob und unter welchen Umständen insbesondere Frauen mit Adipositas in der Schwangerschaft an Gewicht verlieren sollten, wird derzeit diskutiert [56].
Bei Frauen mit Untergewicht ist eine angemessene Energie- und Nährstoffversorgung in der Schwangerschaft besonders wichtig. Eine generelle Empfehlung zur Mindestgewichtszunahme kann aus den vorliegenden Studien nicht abgeleitet werden [1, 57–59].
Hintergrundinformationen
Die im Jahr 2009 publizierten IOM/NAM-Empfehlungen zur Gewichtszunahme in der Schwangerschaft in Abhängigkeit vom mütterlichen Ausgangsgewicht dienen vielfach als Orientierung für nationale und internationale Leitlinien und Empfehlungen [46]. Allerdings haben nicht alle Länder die Empfehlungen vollständig übernommen; einige Länder haben sie für die eigene Bevölkerung angepasst (z. B. Australien [14] oder die Niederlande [60]). Andere Länder wiederum orientieren sich explizit nicht an den IOM/NAM-Empfehlungen (z. B. Großbritannien [61]), die ausschließlich auf Beobachtungsstudien an US-amerikanischen Frauen beruhen und somit nicht repräsentativ für andere Populationen sind.
Als Kritik an den IOM/NAM-Empfehlungen wird in Fachpublikationen zudem geäußert, dass keine trimesterspezifische Betrachtung der Gewichtszunahme erfolgt, die Gewichtsveränderung sich allerdings je nach Trimester unterscheidet. Es gibt Hinweise darauf, dass sich eine übermäßige Gewichtszunahme vor allem im 3. Trimester ungünstig auf die mütterliche und kindliche Gesundheit auswirken kann [62–64]. Darüber hinaus wird die IOM/NAM-Empfehlung zur Gewichtszunahme für Frauen mit Adipositas als zu hoch angesehen und es wird der Wunsch nach spezifischen Empfehlungen in Abhängigkeit vom Adipositasgrad geäußert (Adipositas Grad I: BMI 30–34,9 kg/m2, Adipositas Grad II: BMI 35–39,9 kg/m2, Adipositas Grad III: BMI ≥ 40 kg/m2) [65–67]. Auch ob die vor mehr als 15 Jahren publizierten Empfehlungen den heutigen Gegebenheiten gerecht werden, wird infrage gestellt [61].
Laut Bundesauswertung zur Geburtshilfe starteten im Erfassungsjahr 2024 knapp die Hälfte der Schwangeren in Deutschland mindestens mit Übergewicht in die Schwangerschaft (26 % mit Übergewicht, 19 % mit Adipositas) [68], Tendenz steigend. Ebenso liegt heutzutage die durchschnittliche Gewichtszunahme in der Schwangerschaft u. a. auch in Deutschland über den IOM/NAM-Empfehlungen [69–71]. Im Kontext der IOM/NAM-Empfehlungen wird zudem diskutiert, ob eher das Gewicht der Mutter vor der Schwangerschaft oder die Gewichtsentwicklung während der Schwangerschaft das Risiko für unerwünschte gesundheitliche Wirkungen bei Mutter und Kind erhöht. Viele Studien widmen sich entweder den Effekten einer übermäßigen Gewichtszunahme (z. B. [47, 48, 72]) oder den Effekten eines hohen mütterlichen Ausgangsgewichts (z. B. [51, 73]). Die meisten Studien mit einem Fokus auf beide Faktoren betonen, dass sowohl das mütterliche Ausgangsgewicht als auch die Gewichtsentwicklung während der Schwangerschaft als unabhängige Risikofaktoren zu betrachten sind, wobei sich aber auch beide gegenseitig beeinflussen und verstärken können [49, 74–77]. Die Leitlinie des National Institute for Health and Care Excellence (NICE) aus Großbritannien kommt hingegen zu dem Schluss, dass das Ausgangsgewicht vor der Schwangerschaft einen insgesamt größeren Risikofaktor darstellt als die Gewichtszunahme während der Schwangerschaft [61]. Darüber hinaus wird in aktuellen Leitlinien und Empfehlungen darauf hingewiesen, dass das Thema Körpergewicht für viele Frauen ein sensibles Thema ist. Um eine Stigmatisierung zu vermeiden, wird ein wertschätzender, positiver und feinfühliger Umgang mit dem Thema in der Beratung explizit betont [14–16, 78] (siehe Kapitel „Diversitätssensible Beratung”).
Nach einer bariatrischen Operation gelten Frauen als Risikoschwangere und benötigen während der gesamten Schwangerschaft eine engmaschige Betreuung und Überwachung. Dazu gehört eine regelmäßige Überprüfung des mütterlichen Nährstoffstatus sowie der notwendigen Nährstoffsupplementierung, da Personen nach bariatrischen Eingriffen häufig einen Nährstoffmangel (insbesondere Mikronährstoffmangel) aufweisen [15, 43, 44, 55].
Erste Untersuchungen deuten darauf hin, dass der Einsatz von GLP-1-Rezeptoragonisten (sog. „Abnehmspritzen“) während der Frühschwangerschaft das Risiko für Fehlbildungen nicht erhöht [79, 80]. Zu den Auswirkungen der Nutzung im weiteren Verlauf der Schwangerschaft sowie zu mittel- und langfristigen Effekten auf die Gesundheit des Kindes liegen noch keine Erkenntnisse vor, genauso wenig, wie zu den Auswirkungen eines möglichen Rebound-Effekts mit übermäßiger Gewichtszunahme nach Absetzen des Medikamentes kurz vor oder während der Schwangerschaft.
1 5–9 kg = Empfehlungen der National Academy of Medicine (NAM) (vormals Institute of Medicine, IOM) zur Gewichtszunahme in der Schwangerschaft in Abhängigkeit vom mütterlichen Ausgangsgewicht